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20 Lesetipps von deutschen Ökonomen

·Lesedauer: 16 Min.

Am Mittwoch beginnt – weitgehend virtuell – die 72. Frankfurter Buchmesse. Aus diesem Anlass hat die WirtschaftsWoche führende deutsche Ökonomen um einen ganz persönlichen Buchtipp gebeten.

20 deutsche Ökonomen geben Buchempfehlungen. Foto: dpa
20 deutsche Ökonomen geben Buchempfehlungen. Foto: dpa

Justus Haucap, Professor für VWL an der Universität Düsseldorf und Gründungsdirektor des Instituts für Wettbewerbsökonomie, empfiehlt „Economics for the Common Good“ von Jean Tirole (Princeton University Press, 2017): „Wer sich für Ökonomie interessiert, findet hier einen schönen und modernen Einstieg. Das Buch zeigt die große Vielfalt der Volkswirtschaftslehre – und räumt mit dem Vorurteil auf, die VWL würde immer noch in alten Denkmustern der Fünfzigerjahre verharren und dem Homo Oeconomicus huldigen.“

Stefan Kooths, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und Vorsitzender der Hayek-Gesellschaft, empfiehlt „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung: Eine Zeitreise durch 5 Kontinente“ von Rainer Zitelmann (Finanzbuch Verlag, 2018): „Das große Problem des Kapitalismus ist sein Erfolg, den die Menschen allzu leicht für selbstverständlich halten. Umso stärker grassiert die neue Lust am Sozialismus, dessen desaströse Folgen – ökonomisch wie moralisch – mehr und mehr in Vergessenheit geraten.

Rainer Zitelmann macht sich die Mühe, die relevanten Alternativen gegenüberzustellen, und hat dazu viel nützliches Material aus aller Welt zusammengetragen. Sachlich, aber nicht trocken, engagiert, aber ohne missionarischen Eifer. Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit.“

Nicola Fuchs-Schündeln, Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik und Professorin für Makroökonomie und Entwicklung an der Universität Frankfurt, empfiehlt „What works: Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann“ von Iris Bohnet (Verlag C.H.Beck, 2017): „Gleichstellung ist ein Ziel, das wir uns nicht nur als Gesellschaft setzen, sondern das sich viele Unternehmen und Institutionen auf die Fahne geschrieben haben. Warum ist es dennoch so schwierig, Gleichstellung zu erreichen?

In ihrem Buch stellt die Ökonomin Iris Bohnet dar, wie unbewusste Diskriminierung Gleichstellung verhindert. Stereotypen prägen unser Denken und beeinflussen unser Handeln, ob wir es wollen oder nicht. Gleichzeitig zeigt sie ganz praktisch auf, was dagegen getan werden kann. Wichtig ist dabei das clevere Design von Prozessen, sodass Vorurteilen möglichst wenig Raum gegeben wird. Ich mag an dem Buch, dass es die aktuelle Forschung in den Wirtschaftswissenschaften aufgreift und daraus konkrete Handlungsempfehlungen entwickelt.“

Thomas Mayer, Leiter der Denkfabrik der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch in Köln, empfiehlt „The Forgotten Man: A New History of the Great Depression“ von Amity Shlaes (HarperCollins, 2008): Shlaes beschreibt, wie in den USA die Roosevelt-Regierung die vorher marktwirtschaftlich organisierte US-Wirtschaft durch den New Deal zu einer Staatswirtschaft umgebaut hat. Dadurch verschlimmerte sich die Depression. Es hat ein halbes Jahrhundert gedauert, bis durch die „Reaganomics“ der Staat wieder in die Schranken gewiesen wurde.“

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, empfiehlt „Why liberalism works“ von Deirdre Nansen McCloskey (Yale University Press, 2019): „In der Coronapandemie wird – historisch einmalig in der Bundesrepublik – vielfach in die Freiheitsrechte der Bürger eingegriffen. Wir müssen davon ausgehen, dass nach dieser Krise eine neue Staatsgläubigkeit genauso überdreht daherkommen wird wie in den letzten Jahrzehnten manche Staatsskepsis. Das Buch ist deshalb so anregend, weil es über den Rückbezug zu Adam Smith und seine moralphilosophische Begründung einer liberalen Wirtschaftsordnung eine moderne Antwort an alle jene Zweifelnde richtet, die in populistischen, links wie rechts verorteten Parolen die Kälte des Liberalismus beklagen.

Es geht der Autorin um einen bürgerlichen Liberalismus, eingebettet in die rechtschaffenden und verantwortlichen Tugenden der modernen demokratischen Staatsbürgergesellschaft. McCloskey tourt durch die Entstehungsgründe liberalen Denkens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Teil 1) und öffnet den Blick auf die Wirkungen freiheitlicher Ordnung in der modernen Welt. Sie enttarnt dabei die „Trickle-Down-Hyothese“ als Irrlicht (Teil 2). In Teil 3 wird die irregeleitete Debatte um Ungleichheit beleuchtet und die ambivalente Bedeutung von Pikettys Studien deutlich gemacht, bevor durch eine Neubeschreibung die Verteidigungslinie des Liberalismus gegen Ängstlichkeit, bewusst falsche Fakten, Versagensrhetorik und staatliche Umsorgungslyrik gezogen wird.

Achim Wambach, Präsident des ZEW– Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, empfiehlt „Kraft“ von Jonas Lüscher (Verlag C. H. Beck, 2017): „Es ist ein Wirtschaftsroman der besonderen Art. Kraft ist der Name eines Tübinger Rhetorik-Professors, der zu einem seltsamen akademischen Wettbewerb in die USA reist, und dabei sein Leben vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der vergangenen 30 Jahre reflektiert. Wirtschaftliche Themen – der Protagonist hat auch mal VWL studiert – kommen durch, es gibt Bezüge zu Margaret Thatcher, Ronald Reagan und dem Mauerfall. Kritik an unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsform inklusive, aber ohne dass es banal wird. Manche Fäden werden zu weit gesponnen, aber das Buch bietet viel Stoff zum Anknüpfen. Eine lohnende Lektüre.“


„Ein Meisterwerk der politischen Ökonomie!“

Christoph M. Schmidt, Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, empfiehlt „Deaths of Despair and the Future of Capitalism“ von Anne Case und Angus Deaton (Princeton University Press, 2020): „Der Erscheinungstermin dieses Buches im März 2020 hätte nicht besser gewählt sein können: Just in dem Augenblick, an dem die Welt staunend zusieht, wie die Krankenhäuser des reichsten Lands der Welt von der Corona-Pandemie überrollt werden, zeichnen Anne Case und Angus Deaton ein schonungsloses Bild des US-amerikanischen Gesundheits- und Wirtschaftssystems.

Dabei war noch bis vor Kurzem eine weiter wachsende Lebenserwartung als ein unumstößlicher, nahezu alle Volkswirtschaften erfassender Trend. Nobelpreisträger Deaton selbst hatte in seinem 2013 erschienenen Buch „The Great Escape“ dargelegt, zu welch riesigen Schritten weg von bitterer Armut und Hunger der Kapitalismus die Menschheit in den vergangenen etwas mehr als zwei Jahrhunderten befähigt hat. Doch ausgerechnet für die USA weist er in dem Buch auf eine drastische Abweichung von diesem Trend hin: Weiße Amerikaner mit niedriger Ausbildung fallen seit einiger Zeit einer neuen Epidemie zum Opfer, den „Todesfällen aus Verzweiflung“, also Selbsttötungen, Drogenüberdosen und Spätfolgen von Alkoholismus. Dies steht in krassem Gegensatz zu den Entwicklungen in anderen westlichen Volkswirtschaften. Das sollte gerade diejenigen hierzulande aufhorchen lassen, die an der Sozialen Marktwirtschaft zweifeln. Denn Case und Deaton ziehen eine eindeutige Schlussfolgerung: Die US-amerikanische Ausprägung des Kapitalismus ist offenbar korrekturbedürftig, aber als Reaktion auf diese Fehlentwicklungen den Kapitalismus abschaffen zu wollen, wäre töricht.“

Lars Feld, Vorsitzender des Wirtschaftsweisen, empfiehlt „Let the People Rule: How Direct Democracy Can Meet the Populist Challenge“ von John Matsusaka (Princeton University Press, 2020): „Matsusaka ist Ökonom an der University of Southern California in Los Angeles. Er zeigt in diesem Buch auf, welche Probleme sich in einer rein repräsentativen Demokratie ergeben und wie sich diese lösen lassen. In der direkten Demokratie entfernen sich politische Entscheidungen aus unterschiedlichen Gründen von den gewünschten Ergebnissen der Bürger. Das führt dazu, dass populistische Parteien oder Politiker Auftrieb bekommen. Referenden und Volksinitiativen korrigieren die Entscheidungen von Exekutive und Parlament zwar in Richtung der Vorstellungen der Bürger. Allerdings muss man Volksabstimmungen richtig implementieren und nicht als Plebiszite dem Goodwill von Regierung und Parlament überlassen, wann direkt demokratisch entschieden wird. Beachtet man das nicht, kommen Fehlsteuerungen wie beim Brexit zustande. Ein Meisterwerk der politischen Ökonomie!“

Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, empfiehlt „Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt“ von Alois Prinz (Insel Verlag, 2012): „Es spielt keine Rolle, wo man das Buch aufschlägt: Jede Seite ist spannend. Weil Hannah Arendts Leben spannend war und geprägt vom „Denken ohne Geländer.“ Sie hat immer wieder Tabus gebrochen, so zum Beispiel in ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, wo sie die „Banalität des Bösen“ beschreibt und deutlich macht, dass der Holocaust nicht von Monstern, sondern vom Jedermann ausgeführt wurde. Prinz bettet Hannah Arendts Leben ein in die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus Sicht einer Philosophin und Jüdin. Er schafft es, dass ihre ungeheure Lebenskraft, die „Liebe zur Welt“, immer wieder wunderschön zur Geltung kommt, auch und gerade in den schwierigen Zeiten der Flucht vor dem Naziregime in den 30er Jahren. Da geht es um die Liebe zur Freiheit, zur freien Meinungsentfaltung und Vielfalt. Zum Diskurs, der heute in der westlichen Welt manchmal verschwunden zu sein scheint. Das ist sehr inspirierend, gerade in diesen Zeiten, wo die stabile Nachkriegswelt oder Nachwendewelt einzustürzen scheint und Werte wie Liberalismus, Globalisierung und Multilateralismus nicht mehr relevant zu sein scheinen.

Auch in Zeiten des Coronavirus bleibt Hannah Arendts Ausspruch „Freiheit ist kein Geschenkartikel“ hochrelevant. Das Buch ist auch deshalb so empfehlenswert, weil Prinz es schafft, in klarer, reduzierter Sprache die Zeiten, den Menschen Hannah Arendt und komplexe philosophische und historische Hintergründe zu beschreiben und in einen Zusammenhang zu setzen. So ist das Buch gewissermaßen ein Pageturner für Geschichts- und Philosophie-Interessierte, die Heidegger vielleicht nicht unbedingt im Original lesen würden.“

Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Frankfurt empfiehlt „1931: Debt, Crisis, and the Rise of Hitler“ von Tobias Straumann (Oxford University Press, 2019): „Straumann, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, zeigt am Beispiel der Finanzkrise von 1931, welche Folgen ein Zusammenbruch von Banken in einer überschuldeten internationalen Konstellation haben kann. Das reicht vom Staatsbankrott über den Untergang des internationalen Währungssystems bis hin zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft und einer weitreichenden politischen Destabilisierung. Das wird sich so nicht wiederholen, ist aber doch ein gewaltiges Lehrstück, das im Gegensatz zu den meisten aktuellen Geschichten den Vorzug hat, nicht zu spekulieren, sondern sehr genaue Diagnosen zu ermöglichen, vor allem, die Handlungsfähigkeit und die Beschränkungen der jeweils Verantwortlichen sehr nüchtern zu sehen.“

Monika Schnitzer, Mitglied der Wirtschaftsweisen, empfiehlt „The Innovators: Die Vordenker der digitalen Revolution von Ada Lovelace bis Steve Jobs“ von Walter Isaacson (C. Bertelsmann Verlag, 2018): „In der aktuellen Krise profitieren alle von den Innovationen, die die Digitalisierung hervorgebracht hat. Aber wie kommen bahnbrechende Erfindungen zustande? Kommt es vor allem auf geniale Ideen einzelner Erfinder und Erfinderinnen an oder eher auf die Zusammenarbeit im Team? Wovon hängt es ab, wer die Lorbeeren erntet und reich wird mit seinen Erfindungen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich diese höchst unterhaltsame Geschichte der Erfindung des Computers und der Entstehung der digitalen Revolution. Die zahlreichen Protagonisten des Buches reichen von Ada Lovelace über Alan Touring, Grace Hopper, Steve Jobs und Bill Gates, bis hin zu den Google-Gründern Larry Page und Sergey Brin. Das Buch diskutiert die Meilensteine der Technologiegeschichte und macht deutlich, wie wichtig dabei die Rolle des Staates war. Man erfährt über die Patentstreitigkeiten der Erfinder des Microchips und wie der Monopolist AT & T die Entwicklung des Internets behinderte, bis die US-amerikanischen Wettbewerbsbehörden den Zugang ins Internet durch Modems ebnete. Und lernt, wer von der Erkenntnis profitierte, dass nicht in der Hardware, sondern in der flexiblen Programmierung der Hardware das größere Potential liegt. Spannend, informativ, kurzweilig.“

Hilmar Schneider, Leiter des Institute of Labor Economics (IZA) in Bonn, empfiehlt „Deutschland ist gerechter, als wir meinen: Eine Bestandsaufnahme“ von Georg Cremer (Verlag C.H. Beck, 2018): „Die Sozialstaatsdebatte ist fest in der Hand von Ideologen aller Couleur. Da tut es gut, ein Buch in die Hand nehmen zu können, das sich sachlich und unaufgeregt mit den Fakten auseinandersetzt, Vorurteile entlarvt und den Blick auf die eigentlichen Probleme lenkt. Dass sachlich und unaufgeregt trotzdem auch unterhaltsam sein kann, ist das Verdienst eines Autors, dem es gelingt, aus der Konfrontation der Empörungsrhetorik der Sozialstaatslobby mit den Tücken der Empirie eine feine Ironie zu erzeugen, ohne je überheblich zu wirken oder die Ernsthaftigkeit des Themas aus dem Blick zu verlieren.

Freilich verlangt das Buch seinen Lesern auch Denkanstrengungen ab. Wer sich mit Prozentrechnen schwer tut, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, die Ausführungen etwa zu relativer Armut und Äquivalenzeinkommen zu goutieren. Wer solche Mühen nicht scheut und Freude am Erkenntnisgewinn empfindet, kommt hier voll auf seine Kosten. Beim Lesen bekommt man eine Ahnung davon, wie die Sozialstaatsdebatte eigentlich geführt werden müsste und was den Benachteiligten wirklich hilft. Und man ahnt, dass inszenierte Bundestagsreden und hohles Talkshowgeschwätz vielleicht mehr zur Spaltung dieser Gesellschaft beitragen als wir meinen.“


„Eine wichtige Botschaft, verpackt in einem großen Lesevergnügen“

Axel Ockenfels, Leiter des Exzellenzzentrums für Soziales und Ökonomisches Verhalten der Universität zu Köln, empfiehlt „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ von Steven Pinker (S. Fischer Verlag, 2018): „Pinker belegt mit eindrucksvollen Zahlen, dass die Welt besser wird. Auch wenn es sich manchmal anders anfühlt: Wir leben immer länger, gesünder, sicherer, friedvoller, wohlhabender und glücklicher. Der wichtigste Grund dafür? Aufklärung, Wissenschaft und Vernunft. Dies ist auch in Coronazeiten eine wichtige Botschaft, verpackt in einem großen Lesevergnügen.“

Rolf Langhammer, Handelsökonom am Institut für Weltwirtschaft, empfiehlt „Phishing for Fools. Manipulation und Täuschung in der freien Marktwirtschaft“ von George A. Akerlof und Robert J. Shiller (Econ Verlag, 2016): „Warum sitzt dem Menschen häufig ein Affe auf der Schulter, der ihm einflüstert, Dinge zu kaufen, die ihm nichts nützen oder zu teuer gemessen an ihrem Wert sind? Kurt Tucholsky hat vor fast 90 Jahren in seinem satirischen „Kurzen Abriss der Nationalökonomie“ diese Schwäche mit der machtpolitischen Unterlegenheit von Arbeitern und Angestellten gegenüber Staat, Finanzsystem und Unternehmern erklärt. Akerlof und Shiller finden feinere Gründe (von Tucholsky ironisch die wissenschaftlichen genannt). Sie stützen sich vornehmlich auf Informationsasymmetrien und narrenhafte Begierden von Konsumenten nach Besitz und Status.

Dieses Nebeneinander von Rationalität und Irrationalität steht dem traditionellen Bild des „homo oeconomicus“, an dem sich Akerlof und Shiller abarbeiten, nicht gut zu Gesicht. Obwohl sie oft durch offene Türen gehen und der „homo sociologicus“ längst in den Wirtschaftswissenschaften etabliert ist, habe ich dieses Buch mit seinen vielen Beispielen gerne gelesen und privat weiterempfohlen. Der dem Konsumenten vorgehaltene Spiegel hat zwar in den USA mehr Berechtigung als im konsumkritischeren Europa, aber gerade in der Post-Pandemiezeit wird der Konsument wohl mehr denn je „abgefischt“ werden.“

Willi Rugen, Präsident des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte, empfiehlt „Die Politische Ökonomie von Friedrich List“ von Eugen Wendler (Springer Gabler, 2020): „Friedrich List zählt zu den Klassikern der ökonomischen Literatur. Schon zu Lebzeiten suchte er die Auseinandersetzung – und verdient sie bis heute. Seine differenzierten, oft missverstandenen Thesen zur Handelspolitik sind von ebenso großer Aktualität wie seine Bemühungen um eine deutsch-englische Allianz, die sich schon zu Lists Lebzeiten als schwierig erwies. List schlug daraufhin eine europäische Kontinentalallianz vor, ohne dabei das größere Ziel eines europäischen Wirtschaftsraums aus den Augen zu verlieren.

Auch den Konflikt der ökonomischen Großmächte Amerika und China sagte er treffend voraus. Auch ohne Vorkenntnisse bietet das Buch von Eugen Wendler einen gelungenen, lohnenden Einstieg in Lists Gedankenwelt.“

Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn, empfiehlt „Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern“ von Mariana Mazzucato (Campus Verlag, 2019): „Die italienisch-amerikanische Ökonomin hat am University College London den Lehrstuhl für Economics of Innovation and Public Value inne. In ihrem Buch hinterfragt sie, wie Wertschöpfung in der heutigen Wirtschaftswelt entsteht. Zugleich regt sie an, wieder kritischer über den Begriff „Wert“ in der Ökonomie nachzudenken. Dazu stellt sie als erstes den aktuellen – vereinfachten – Wertbegriff in Frage und verweist auf die vielfältigen Ursprünge.

Beispielhaft zeigt sie dann die Veränderungen in der Wertschöpfung anhand des Finanzsektors, der Pharmaindustrie und des High-Tech-Unternehmertums im Silicon Valley auf. So ziele beispielsweise die Finanzwirtschaft heutzutage nicht mehr vorrangig darauf, Unternehmen bei ihren Wirtschaftsaktivitäten zu unterstützen. Vielmehr wirtschaften die Finanzunternehmen vorrangig für sich selbst. Eine Werteverschiebung ist aber auch dahingehend erfolgt, dass Wertschöpfung in zunehmendem Maße durch Schlupflöcher im internationalen Steuersystem und den Aufbau von undurchschaubaren Geschäftsverflechtungen entsteht. Angesichts der Frage, wie wir nachhaltiges Wirtschaftswachstum fördern und zunehmender Ungleichheit entgegenwirken können, stellt das Buch von Mariana Mazzucato eine wichtige Diskussionsbasis dar. Ich kann es daher nur jedem als Lektüre empfehlen.“

Otmar Issing, Präsident des Center for Financial Studies in Frankfurt und lange Jahre Chefökonom der Europäischen Zentralbank, empfiehlt „Termites of the State: Why Complexity Leads to Inequality“ von Vito Tanzi (Cambridge University Press, 2017): „Seit Ausbruch der Coronaepidemie hat ein Thema neue Aktualität erlangt: Welche Rolle soll der Staat in Wirtschaft und Gesellschaft spielen? Haben die westlichen Demokratien nicht zu sehr auf die Kräfte des Marktes vertraut? Gehört dem chinesischen System die Zukunft? Ökonomen beschäftigen sich mit den grundsätzlichen Fragen seit dem Beginn ihrer Wissenschaft. Tanzi beschreibt den Wandel in den Doktrinen zur Rolle des Staates in den letzten beiden Jahrhunderten und das stetige Anwachsen staatlicher Interventionen. Er identifiziert die „Termiten“, die in das politische System eindringen und die legitimen Aktivitäten des Staates verzerren und korrumpieren.

Das Buch umfasst ein weites Spektrum staatlichen Handelns und diskutiert in seinem letzten Teil das zurzeit besonders aktuelle Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Tanzi ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der öffentlichen Finanzen und bringt seine langjährigen Erfahrungen in Wissenschaft und Politik ebenso ein wie reiche Bezüge zu anderen Kulturbereichen. Die Lektüre setzt keine besonderen Kenntnisse der Ökonomie voraus, ist auch von Laien mit Gewinn und Verständnis zu lesen. Für den Fachökonomen besticht das Werk durch den großen Überblick und die zahlreichen empirischen Belege.“

Achim Truger, Mitglied der Wirtschaftsweisen, empfiehlt „Das Gift der Ungleichheit: Wie wir die Gesellschaft vor einem sozial und ökologisch zerstörerischen Kapitalismus schützen können“ von Dierk Hirschel (Dietz-Verlag, 2020): „Hirschel ist Chef-Ökonom der Gewerkschaft Ver.di und war 2019 einer der Kandidaten für den SPD-Vorsitz. Sein Buch ist sachkundig geschrieben und hat mit über 250 zumeist wissenschaftlichen Quellen durchaus Tiefgang. Es liest sich dennoch leicht und spritzig. Ungleichheit in vielen Dimensionen wird faktenreich als ökonomisches, soziales und politisches Gift identifiziert, das ebenso wie die ökologische Krise letztlich unsere demokratische Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen bedrohe. Die Probleme seien nicht naturgegeben, sondern Resultat falscher politischer Entscheidungen, die den notwendigen Gegenpart einer entfesselten Marktwirtschaft schwächten.

Hirschel belässt es nicht bei rückblickender Kritik, sondern erörtert Möglichkeiten eines politisch chancenreichen gesellschaftlichen Bündnisses zur Lösung der Probleme. Man muss nicht überall zustimmen, dennoch eine anregende Lektüre zum Einstieg in eine notwendige gesellschaftliche Diskussion.“

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, empfiehlt „Politischer Moralismus: Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ von Hermann Lübbe (LIT Verlag, 2019): „Aus gutem Grunde hat Lübbe sein in den 80er Jahren geschriebenes Buch neu aufgelegt. Denn der öffentliche Diskurs leidet zunehmend darunter, dass Menschen sich nicht mehr mit den Argumenten Andersdenkender auseinandersetzen, sondern sie als Personen verurteilen. In einer solchen moralisch aufgeheizten Atmosphäre kommt es zu schlechten politischen Entscheidungen, wie die kleinteilige, ineffiziente deutsche Klimapolitik zeigt. Dank Hermann Lübbe habe ich verstanden, wie es zu dieser verhängnisvollen Entwicklung kam und wie man sie überwinden kann.“

Anke Hassel, Professorin für Public Policy an der Hertie School in Berlin, empfiehlt „Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Design for Men“ von Caroline Criado Perez (btb Verlag, 2020): „Caroline Criado Perez recherchiert akribisch, in welchen Bereichen und in welchem Umfang die Welt von Männern für Männern gemacht wird. Die Körper von Frauen werden systematisch vergessen und ignoriert, ob es um die Größe von Handys geht, die Zulassung von Medikamenten, die nur an Männern getestet werden, oder um die Tatsache, dass Frauen in höherem Maße bei Autounfällen schwer verletzt werden, weil Autositze und Gurte an die Standardgrößen von Männern und nicht von Frauen optimiert werden.

Ein Buch, das gespickt mit Fakten und Argumenten brillant argumentiert und viel bewirken kann.“

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