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Über den Iran verbreitet sich das Coronavirus im Nahen Osten

Mit 15 Toten hat das Land nach China die meisten Sterbefälle. Die einen machen dafür die Sanktionen der USA verantwortlich, die anderen mangelnde Vorbeugung.

Das Coronavirus trifft den Iran mit voller Kraft. Das Land gilt derzeit als Epizentrum des Nahen Ostens für die Ausbreitung der Epidemie. Infektionen, die aus dem Irak, aus Afghanistan, aus dem Libanon und aus dem Persischen Golf gemeldet werden, haben ihren Ursprung im Iran, sagen Experten. Millionen von schiitischen Pilgern und Wanderarbeiter tragen das Virus aus dem Iran in ihre Heimat. Die Ausbreitung muss auch Washington beunruhigen: Tausende von US-Soldaten sind in der medizinischen Krisenregion stationiert: Im Irak und am Persischen Golf.

Über die Zahl der Opfer zirkulieren im Iran widersprüchliche Angaben. Laut Gesundheitsministerium in Teheran starben bis Dienstag im ganzen Land 15 Menschen, 95 wurden infiziert. Doch die offizielle Statistik scheint massiv geschönt. Allein in der Millionenstadt Qom seien zehn Opfer pro Tag zu beklagen, sagt der Parlamentarier Ahmad Amirabadi Farhani. Kaum hatte er die Zahl veröffentlicht, wurde er vom stellvertretenden Gesundheitsminister Iraj Harirchi zurechtgewiesen.

Die Regierung habe die Lage unter Kontrolle, versicherte der den Bürgern im Fernsehen. Nur sein Ministerium habe die Kompetenz, Statistiken über den Gesundheitszustand zu publizieren. Wenig später trat er allerdings erneut vor die Kameras – dieses Mal, um mitzuteilen, dass nun auch er vom Virus befallen sei.

Die Suche nach einem Schuldigen

Warum es den Iran so hart trifft, ist umstritten. Die einen machen dafür die Wirtschaftssanktionen verantwortlich, die anderen die Inkompetenz des Regimes.

Für die Regierung in Teheran ist es ein klarer Fall. Schuld für die schnelle Ausbreitung des Virus seien die Sanktionen, die US-Präsident Donald Trump wieder verhängt hat, als er aus dem Atomabkommen ausstieg. Die Sanktionen würden den Iran daran hindern, die Epidemie zu stoppen, meint auch ein Beamter der Weltgesundheitsbehörde (WHO). So fehlten zum Beispiel Gesichtsmasken oder Schutzhandschuhe, zitiert Al Jazeera eine Krankenschwester.

Weder die Behörden noch die Kliniken seien mangels fehlender Instrumente in der Lage, die Ausbreitung der Krankheit zu bremsen, meint ein Arzt, der anonym bleiben möchte. Andere mahnen, dass die Kliniken nicht ausreichend gerüstet sind, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen.

Westliche Diplomaten in Teheran führen das Ausmaß der Krise allerdings nicht nur auf die Sanktionen zurück, sondern vor allem auf „Inkompetenz“ und „falsche Entscheidungen“ der Regierung. So habe sie zum Beispiel die Flüge der Mahan Air nach China zu lange aufrechterhalten. Erst am 3. Februar, vier Tage nachdem Wuhan als globales Zentrum der Krankheit bekannt war, wurde die Destination China gestrichen. Auch seien die Schulen und Universitäten zu spät geschlossen sowie Großanlässe und Versammlungen zu zögerlich abgesagt worden, vor allem in Qom, der Pilgerstadt. Zudem habe die Regierung der Bevölkerung Informationen über den wahren Umfang der Virusattacke vorenthalten.

Der Corona-Ausbruch hat Folgen für den Nahen Osten, da der Iran eine regionale Drehscheibe ist – entweder für Wanderarbeiter oder für Menschen, die zu den schiitischen Heiligtümern pilgern. So reisten allein im Januar 30 000 afghanische Pilger aus dem Iran in ihre Heimat zurück. Jede Woche besuchen hunderte von Afghanen Qom, die heilige Stadt. „Es ist ein Rezept für eine massive Verbreitung des Virus,“ sagt Peter Piot, Direktor der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Viele Nachbarländer des Iran – darunter der Irak, Afghanistan oder Syrien – sind nicht in der Lage, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen oder zu bremsen. Die Nachbarn des Iran haben am Sonntag ihre Grenzen zur Islamischen Republik geschlossen. Die Vorsicht ist zwar gut begründet. Neben China hat der Iran die höchste Todeszahl zu beklagen. Aber der Kampf gegen den Virus verstärkt die Isolation des Iran.