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Über 800 PS, vier nach oben öffnenden Türen: So drängt die neue E-Automarke Aehra an Tesla, Lucid und Porsche vorbei

Aehra-Chef Hazim Nada (re.) mit Einkäufer Stefano Mazzetti (M.) beim Erklären der
Aehra-Chef Hazim Nada (re.) mit Einkäufer Stefano Mazzetti (M.) beim Erklären der

Hazim Nada ist ein Mann der leisen Töne. Bei der Weltpremiere des von ihm erdachten Elektro-SUV Aehra bleibt der Cambridge-Physiker und am Imperial College London promovierte Mathematiker lange im Hintergrund. Auch beim Outfit hält sich Nada bedeckt: Dunkle Lederjacke, schlichter Rollkragenpullover, hellbraune Schnürschuhe. Auffällig an seiner Erscheinung sind allenfalls die scharfen Bügelfalten in der Hose.

Das Rampenlicht sucht Nada an diesem Abend sichtlich nicht für sich. Der Aehra soll strahlen. Ein silbrig glänzender Viersitzer mit Felgen im wuchtigen 24-Zoll-Format, aber dafür umso filigraneren Leuchten an Front und Heck.

Mailand als Ort der Aehra-Präsentation hat Nada bewusst gewählt. Die Metropole in der Lombardei ist Italiens Fashion-Hauptstadt, und sein SUV soll rundum so mondän geraten wie ein Gewand von Prada, Versace oder Giorgio Armani. Mindestens. „Italianness is very important for us“ wird der in den USA geborene Gründer und CEO von Aehra am Tag nach der „Modenschau“ im Interview mit Business Insider sagen.

Die Zentrale des Unternehmens liegt im Mailänder Stadtteil Cascina Merlata. „An der Via Gottlieb Wilhelm Daimler 1“, sagt Nada lächelnd, „unsere Straße ist benannt nach dem Miterfinder des Automobils“.

50.000 Aehras pro Jahr

Letzteres neu zu denken, das sieht Nada als seine Mission. „Wir empfinden das Hoch-Premium-Segment als nicht angemessen abgedeckt“, so Nada. „Der Fokus liegt dort meist auf den üblichen Kriterien Reichweite und Leistung, nicht auf speziellen Premium-Innovationen“. So kommt es, dass Nada 2025 – also 139 Jahre nach Daimler mit der revolutionären Motorkutsche – die Mobilität in der Luxusklasse mittels dann in Großserie produziertem Aehra-SUV aufmischen will.

Der Ur-Daimler hatte einen Zylinder, brachte es auf 0,8 kW (umgerechnet 1,1 PS) – und lief bis zu 18 km/ h „schnell“. Aehras Auto wird gar keinen Zylinder mehr haben, sondern bis zu drei E-Maschinen. Die bringen es zusammen auf bis zu 600 kW (816 PS). Die Höchstgeschwindigkeit des SUV wird bei 265 km/ h begrenzt, um die Reichweite mit einer Stromladung – versprochen sind mehr als 800 Kilometer – nicht über Gebühr zu schmälern.

Apropos: Zwischen 160.000 und 180.000 US-Dollar sollen Aehras zwei Modelle – im kommenden Frühjahr wird Nada eine Limousine vorstellen – kosten. Derzeit entsprechen diese Zielpreise gut 150.000 bis 170.000 Euro. Beide Baureihen sollen bis zu 70 Prozent Gleichteile aufweisen und für jeweils bis zu 25.000 Einheiten jährlich stehen.

Zum Vergleich: Die deutsche VW-Marke Porsche, der Nada „seit Langem auf ihre eigene Weise attraktive Produkte“ attestiert, lieferte 2021 weltweit 301.915 Neuwagen aus. Darunter waren das kompakte SUV Macan (88.362 Einheiten) und der schwere Geländewagen Cayenne (83.071) die begehrtesten Typen. Mit weitem Abstand auf Platz drei: Der vollelektrisch fahrende Taycan (41.296).

Tricolore als Blickfang am E-Mobil: „Italienischsein ist sehr wichtig für uns“, heißt es bei Aehra.
Tricolore als Blickfang am E-Mobil: „Italienischsein ist sehr wichtig für uns“, heißt es bei Aehra.

Doch es ist beileibe nicht bloß die Mischung aus international beliebter Karosseriegattung und global zunehmend gefragter E-Antriebstechnik, die Nada für sein erstes Pkw-Projekt zuversichtlich macht. „Change your shapes“, nennt der begeisterte Fallschirmspringer als seine bewährte Managementmaxime, zu Deutsch: „Ändere deine Formen“.

Und das hat Aehra beim SUV zweifellos getan. Rund 5,10 Meter lang und zwei Meter breit wird der Zweitonner geraten, doch mit einer Höhe von 1,64 zugleich über 30 Zentimeter flacher als etwa die G-Klasse von Mercedes-Benz. Anders als dieser kultige Kasten-Wagen der Schwaben trägt Aehras SUV eine sogenannte Monobody-Architektur: Von vorn bis hinten spannt sich ein durchgehender Bogen im äußeren Erscheinungsbild.

Eintritt mit Wow-Effekt

Zumindest, bis sich die Türen öffnen: Höchstgradig spektakulär streckt das SUV dann alle viere von sich. Und zwar weit nach oben. Mag es um die Realisierung des Allradwagens noch viele Fragezeichen geben, mit ihren stilvollen „Aufschwüngen“ setzt die selbsternannte „Ultra-Premium-Elektroautomobilmarke“ ein fettes Ausrufezeichen. Die Schönen und Reichen dieses Erdenrunds werden sich fraglos mit der Türtechnik schmücken wollen: Aehra, wem Aehra gebührt.

„Elytra“ nennt Aehra das Funktionsprinzip seiner Portale, angelehnt an jene Insekten, die über zwei harte Deckflügel über ihren beiden eigentlichen „Tragflächen“ verfügen. Beim Marienkäfer schützen rote Kappen mit schwarzen Punkten das hauchdünn-transparente Flügelwerk.

Aehras Chefdesigner Filippo Perini hat eben erkennbar prägende Jahre bei Automobili Lamborghini hinter sich: Das Sportwagenlabel aus Sant’Agata Bolognese spendiert seit den Tagen des legendären Donnerkeils Countach seiner jeweiligen Spitzenbaureihe ein nach oben öffnendes Scherentürpaar.

SUV im Look eines Supersportwagens: Designer Filippo Perini (li.) und Alessandro Serra am Aehra-Modell. - Copyright: Henning Krogh
SUV im Look eines Supersportwagens: Designer Filippo Perini (li.) und Alessandro Serra am Aehra-Modell. - Copyright: Henning Krogh

Auf den Einwand, dass die überaus kompliziert zu konstruierenden und justierenden Elytra-Einstiege schon Heerscharen von Entwicklungs- sowie Montage-Teams schlaflose Nächte bereitet haben, so bei VWs Ein-Liter-Auto XL1, erwidert Perini knapp: „Ist uns bekannt“. Er überlegt. In der Art von Ex-Kanzlerin Angela Merkel fügt er schließlich hinzu: „Wir schaffen das schon“.

Den nun folgenden Hinweis der Redaktion auf künftiges „Kopfzerbrechen“ beim Elytra-Ausstieg – zwischen vorderer und hinterer Tür ist der Platz beim Aufrichten der Passagiere doch begrenzt – zerstreut Perinis Design-Kollege Alessandro Serra gegenüber Business Insider entspannt: „Gerade weil die Aufgaben rund um die Türen recht knifflig sind, reizen sie uns so sehr“. Die von CEO Nada weithin schmerzlich vermissten „speziellen Premium-Innovationen“, unter anderem bei Ein- und Ausstieg werde sie Aehra zu bieten haben. Gewissermaßen im Auto-Quartett.

Hinzu kommen markante Außenspiegel, die mit ihren zwei dünnen Auslegern an moderne Renn-Motorräder erinnern. Und an klassische Doppeldecker – Hazim Nada ist nicht nur Skydiver, sondern auch Hobbypilot.

Hightech à la Hammerhai: Die markanten Ausleger eines Aehra-Außenspiegels. - Copyright: Henning Krogh
Hightech à la Hammerhai: Die markanten Ausleger eines Aehra-Außenspiegels. - Copyright: Henning Krogh

Fast schon konventionell muten da jene Plaketten in den italienischen Nationalfarben an, die das Aehra-SUV an den C-Säulen trägt. Der in Modena ansässige Hersteller Maserati, noch so ein Rivale in spe, hat die Tricolore beim Offroader Levante Trofeo nicht minder stolz an den Mittelpfosten positioniert.

Das Interieur seines SUV enthüllt Aehra noch nicht. Nada verheißt das „Raumgefühl eines BMW-Siebeners in Langversion auf der Verkehrsfläche eines Tesla Model S“. Und da der Firmenchef „aus Sicherheitsgründen beim Handy kein Apple-User ist“, wie er berichtet, dürfte Aehra bei Digitali- und Konnektivität seines Fahrzeugs ebenfalls alternative Wege einzuschlagen versuchen.

Wie auch bei der bewusst schlanken Aufstellung des Start-ups an sich: Acht Designer beschäftigt Aehra derzeit fest, dazu vier kaufmännische Angestellte – und einen einzigen Einkäufer.

Riesenrad am Luxusstromer: Carbonfelge mit Reifen im Format 285/ 35 ZR 24. - Copyright: Henning Krogh
Riesenrad am Luxusstromer: Carbonfelge mit Reifen im Format 285/ 35 ZR 24. - Copyright: Henning Krogh

Dutzende externer Fachkräfte – Nerd Nada, 39, nennt sie Consultants (Berater) – bucht das Unternehmen nach Bedarf hinzu. Nun, da es bald an die Serienvorbereitung (2023) geht und hernach an die Validierung von Werkzeugen und Fertigungsprozessen (2024), will Nada vor allem Ingenieure engagieren. Im März kommenden Jahres möchte er endlich seinen Chief Technical Officer (CTO) bekanntgeben, „eine lebende Legende“ (Nada).

Mauro Forghieri wird nicht Aehras CTO – der legendäre Tüftler in Diensten von Enzo Ferrari selig ist leider vor Kurzem verstorben.

Doch eine Abwerbung bei Ferrari ist Nada bereits gelungen: Stefano Mazzetti ist sein besagter Einkäufer und stand zuvor fast sechs Jahre als „Purchasing Manager and Business Developer“ in Diensten des Bolidenbauers mit dem tänzelnden Pferd im Wappen.

Mit der Geschäftsentwicklung hat Mazzetti neben der Beschaffung bei Aehra alle Hände voll zu tun. Die vielen Carbon-Teile des Aehra-SUV sollen in Italien entstehen – aber bei welchem Auftragsfertiger und wo genau? Wer liefert Fahrwerksteile zu, wer die Bestuhlung mit den gewünscht nachhaltigen Textilien, wer Windschutzscheibe, Klimaautomatik, Hupe und so weiter? Mazzetti: „Wir sind überall mit Volldampf dran, doch die Verträge nun mal noch nicht unterschrieben“.

Steigende Kosten im Blick

Auf die Frage von Business Insider, wie sich Aehra drei Jahre vor Werksbeginn auf die hohe Volatilität bei den Notierungen wichtiger Rohstoffe wie Aluminium für Strukturteile und Lithium in den Traktionsakkus einstellt, sagt Mazzetti: „Mögliche Preiserhöhungen zählen zu den zentralen Themen, die wir mit unseren potenziellen industriellen Partnern intensiv erörtern“.

Zudem selbstverständlich die Frage, an welchen Stromzapfsäulen Aehra-Automobilisten ihr SUV oder ihre Limousine eines gar nicht mehr so fernen Tages werden „betanken“ können. Das Schnellladenetzwerk Ionity, immerhin, das kann Mazzetti schon mitteilen, gehört zum kleinen Kreis der Kandidaten.

Bei den Pneus wird es Mazzetti wohl einfacher haben – die kann er vom nicht fahrfähigen Demonstrationsvehikel übernehmen. An dessen Reifenflanken sticht die Produktbezeichnung „Scorpion“ hervor. Produzent der eigens für schnelle SUVs gebackenen Bereifung: Pirelli, eine der Industrieikonen Italiens, wenngleich inzwischen mit chinesischer Beteiligung bei den Anteilseignern. „Italianness is very important for us“ – Nada hatte es ja deutlich genug betont.

Und so dezent der Gründer selbst aufzutreten pflegt, so draufgängerisch gibt sich sein Kompagnon, Aehras Co-Founder Sandro Andreotti: „Trust yourself“, lautet dessen Motto auf der Karriereplattform „LinkedIn“. Dort deutet er entsprechend selbstbewusst an, worauf vom BMW-Fahrer bis zum Lucid-Lenker alle Autofans fortan schon mal vertrauen mögen: „Our car eats yours for breakfast“. Nun denn, möge sich dabei nichts und niemand verschlucken.

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