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Der österreichisch-afghanische Journalist Emran Feroz beschreibt, warum der Westen in Afghanistan gescheitert ist

·Lesedauer: 5 Min.
Emran Feroz auf der Leipziger Buchmesse im Jahr 2017
Emran Feroz auf der Leipziger Buchmesse im Jahr 2017

Emran Feroz ist österreichisch-afghanischer Journalist und Buchautor. Die aktuelle Lage in Afghanistan bestürzt ihn und macht ihn wütend – aber überraschen tut sie ihn nicht. Feroz berichtet seit Jahren über Afghanistan für Medien in Österreich, Deutschland und den USA. Momentan kommt Feroz allerdings nicht viel zum selber Schreiben. Zu sehr ist seine Expertise zur Eskalation in Afghanistan gefragt. Zumal am Montag ein Buch von ihm erscheint, in dem er die Ursachen für das Scheitern des Westens aus afghanischer Sicht analysiert. Im Zuge der Recherche hat Feroz mit Führern der Taliban, afghanischen Zivilisten und dem ehemaligen afghanischen Präsidenten gesprochen. Für ihn war der Krieg der Nato-Mächte gegen den Terror in Afghanistan schon vor langer Zeit verloren gegangen.

Nachdem die Nato-Mächte im Juli aus Afghanistan abgezogen sind, konnte die Taliban fast alle Distrikte zurückerobern. Am Wochenende hat die Taliban dann einen weiteren entscheidenden Sieg gefeiert. Sie haben Kabul, die Hauptstadt Afghanistans, eingenommen. Der afghanische Präsident Aschraf Ghani ist geflohen und ersucht derzeit Asyl in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das schnelle Vorrücken und die Übernahme der Macht im Land am Hindukusch kommt für weite Teile des Westens überraschend. So überraschend, dass sie es nicht mal geschafft haben, ihr eigenes Botschaftspersonal rechtzeitig zu evakuieren. Von den Ortskräften mal ganz zu schweigen.

Familie und Freunde in Afghanistan

Feroz wirkt während des Gesprächs mitgenommen. Nicht verwunderlich, denn er hat noch Familie und viele Freunde in Afghanistan. Menschen, an die er momentan sehr viel denkt, wie er zu Business Insider sagt. Darunter sind auch einige Ortskräfte und Menschen, die ihm in den vergangenen Jahren bei seiner Berichterstattung geholfen haben. Ein Bekannter von ihm war in Kabul am Flughafen, hat versucht, einen der begehrten Plätze an Board der Rettungsmaschinen zu ergattern. Vergeblich. Von einem anderen Freund hat Feroz seit Wochen nichts mehr gehört, denn er musste bereits untertauchen – aus Angst vor den Repressalien der Taliban.

Schnell kamen in den letzten Tagen Fragen auf, wie die Taliban so schnell die Macht ergreifen konnte. Wo sind die afghanischen Sicherheitskräfte? Warum verteidigen sie ihr Land nicht? Feroz hat das schon lange prophezeit. Seine Begründung: Die grassierende Korruption der letzten Jahre bei den Machteliten Afghanistans. "Die Soldaten haben keine Nahrung, keine Kleidung, keine Munition. Es ist völlig logisch, dass sie nicht loyal sind. Gelder sind in Afghanistan nicht dort angekommen, wo sie gebraucht werden. Afghanische Politiker und die regionalen Warlords haben sich die eigenen Taschen vollgemacht."

Ein Parade-Beispiel für die Korruption der afghanischen Politiker ist für Feroz ausgerechnet der geflohene afghanische Präsident Ghani. Dessen Tochter lebe nicht einmal in Afghanistan, sondern sei im Westen aufgewachsen. Sie spricht perfekt Englisch und sogar ein bisschen Deutsch. Die beiden Landessprachen dagegen beherrsche sie nicht. Für Feroz ist klar, dass von der Landbevölkerung und den Sicherheitskräften keine Loyalität oder gar Patriotismus zu erwarten ist, wenn sich die gesellschaftlichen Schichten so weit voneinander entfernt haben.

Hilfsgelder kommen nicht in ländlichen Regionen an

Das Geld kamen von den Nato-Partnern. Geflossen ist es in Form von Entwicklungshilfen. Auch um den Aufbau von Schulen, Krankenhäusern und Verwaltungen in ärmeren Gebieten zu beschleunigen. Aber angekommen ist es in den Dörfern und ländlichen Strukturen nie. Dabei hätten gerade diese Regionen Afghanistans die finanzielle Unterstützung am meisten gebraucht. Durch Krieg und Terror sind gerade Menschen, die nicht in den Städten wohnen, immer wieder in Existenznot geraten.

"Man muss nur einmal 30 Minuten aus Kabul rausfahren, da sieht man ein total anderes Bild von Afghanistan. Dieses Land ist so heterogen aber insbesondere die USA haben lange nur den städtischen Teil des Landes gesehen", sagt Feroz. Das habe laut dem Journalisten zu weiteren falschen Fehleinschätzungen und Reaktionen geführt.

Demnach hätten sich die Amerikaner "falsche Verbündete" ausgesucht, sagt Feroz. Sie hätten sich die Expertise von Menschen eingeholt, deren Motivation und persönliche Agenda sie nicht kannten oder verstanden haben. In einem besonders dramatischen Fall wurden sie dann von ehemaligen afghanischen Mitarbeitern des kommunistischen Geheimdienstes unterstützt, die der Sowjetunion nahestanden. "Das hatte katastrophale Schlussfolgerungen zur Folge. Teilweise wurden dann einfach persönliche Feinde von den "falschen Verbündeten" beschuldigt, Kämpfer der Taliban zu sein. Das hat dazu geführt, dass die Amerikaner Unschuldige inhaftiert, gefoltert und bombardiert haben", erklärt Feroz.

Kardinalfehler "Afghanistan Konferenz" – die Taliban hätte miteinbezogen werden müssen

Einen weiteren Fehler - vielleicht sogar den größten - machten der Westen in Feroz' Augen im Jahr 2011. Während der Afghanistan-Konferenz in Bonn wurden viele verschiedene Gruppen Afghanistans an einen Tisch gebracht, um über die Zukunft des Landes und einen andauernden Frieden zu verhandeln. Neben den Politikern waren zahlreiche Warlords vertreten. Nur die Taliban waren nicht eingeladen. Dabei hätte man damals eine historische Chance nutzen können, denn die Miliz war zu diesem Zeitpunkt geschwächt, so Feroz. Viele Probleme hätten beseitigt werden können durch das Einbinden der Islamisten. Dadurch, dass die Taliban aber nicht eingeladen war, habe der Westen verkannt, dass extreme Auslegungen des Islams in der afghanischen Bevölkerung Anklang finden. Besonders in ländlichen Regionen erhalten die Fundamentalisten Zuspruch. Das hätte man laut Feroz damals beachten und mit einbeziehen müssen, wenn man einen längerfristigen Frieden anstrebt.

Feroz hat für die Recherche seines Buches auch mit Mitgliedern der Taliban gesprochen. Seiner Ansicht nach hat die Organisation sich in den letzten Jahren stark verändert. Nicht, was ihre Ideologie angeht, sondern die PR-Arbeit, wenn es also darum geht, ihr Image zu verbessern. Die Islamisten hätten verstanden, dass sie langsam vorgehen müssen, um direkte Vergeltungen der Nato-Mächte zu vermeiden. Aktuell versprechen sie, dass Mädchen und Frauen sich im Rahmen der Scharia weiter bilden dürften und auch arbeiten können. Außerdem wollen sie keine Rache üben an Menschen, die in den letzten Jahren den Westen bei seiner Mission in Afghanistan unterstützt haben.

Ob man den Versprechungen der Taliban vertrauen kann, weiß Feroz nicht zu beantworten. "Einen Vertrauensvorschuss" bekommen sie von ihm auf jeden Fall nicht.

Das Buch "Der längste Krieg - 20 Jahre War on Terror" hat 224 Seiten und kostet 18 Euro. Es erscheint am Montag, den 23.8.2021 im Westend Verlag.

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