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Österreich macht’s vor: Wir brauchen das Schulfach „Digitale Grundbildung“

So sieht der Alltag an deutschen Schulen noch nicht aus. Warum eigentlich nicht, fragt sich unser Autor. - Copyright: Getty Images/ Cleverly; Collage: Gründerszene
So sieht der Alltag an deutschen Schulen noch nicht aus. Warum eigentlich nicht, fragt sich unser Autor. - Copyright: Getty Images/ Cleverly; Collage: Gründerszene

Dieser Artikel ist die Meinung des Autors und vermittelt seine Sicht. Hier findet ihr andere Informationen zum Thema.

Fredrik Harkort ist Co-Gründer von cleverly, einem Online-Lern-Angebot für Kinder und Jugendliche. Zudem ist er Mitinitiator der iddb, der Initiative deutscher digitaler Bildungsanbieter. Zuvor hat er das Digital-Unternehmen „BodyChange“ gegründet und war als TV-Produzent tätig. Nicht nur als Vater von zwei Kindern findet er, dass Deutschland dringend nachlegen muss, was digitale Bildung an Schulen betrifft.

Österreich, eine digitale Bildungsrepublik? Solches Lob haben doch eigentlich die skandinavischen Staaten abonniert. Kein Wunder! Im von der EU jüngst veröffentlichten Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft landeten sie wieder auf den Spitzenplätzen. Doch auch in unserem Nachbarland Österreich tut sich etwas: Dort kommt zum Herbst das Fach „Digitale Grundbildung“ auf den Stundenplan – verpflichtend. Eine Stunde pro Woche werden im Unterricht für die ersten drei Klassen der Unterstufe die „informatische[n] Fähigkeiten sowie Medien- und Anwendungskompetenz“ thematisiert, wie die Kleine Zeitung berichtet.

Damit fördert Österreich fachübergreifende Kompetenzen und geht so einen wichtigen Schritt, um langfristig seine Innovationsfähigkeit und damit auch Gründergeist zu stärken.

Ohne fachübergreifende Kompetenzen verliert Deutschland Innovationspotenzial

Keine Frage: Es ist weiterhin wichtig, dass Kinder eine breite Allgemeinbildung in ganz unterschiedlichen Fachdisziplinen erhalten, um die Welt und das Treiben der Menschen darauf zu verstehen.

Aber die Anforderungen an Berufe der Gegenwart und vor allem der Zukunft haben sich fundamental geändert, seit sich die klassischen Schulfächer entwickelt haben. Bereits 2018 haben der Stifterverband und McKinsey im Zuge des Future-Skills-Framework definiert, welche Fähigkeiten in Zukunft, vor allem für die kommenden fünf Jahre, wichtig werden. Diese sind nach drei Themenblöcken geclustert: Neben technologischen Fähigkeiten (zum Beispiel UX-Design oder Web-Entwicklung) gibt es die Blöcke digitale Grundfähigkeiten (etwa Kollaboration oder Digital Ethics) sowie klassische Fähigkeiten, zu denen Durchhaltevermögen und Adaptionsfähigkeit zählen.

Es sind also vor allem fachübergreifende Kompetenzen, die den Arbeitsplatz von heute und morgen ausmachen. Was bedeutet das nun für unsere Bildungsrepublik? Um es in ein wirtschaftliches Bild zu gießen: Wenn wir es nicht schaffen, dass Kinder in diesen Kompetenzfeldern signifikantes Know-how aufbauen, entwickeln wir sie am Bedarf vorbei. Anders gesagt: Wir verlieren jeden Tag innovatives Potential in Deutschland.

Was macht Kinder eigentlich glücklich?

Nun ermöglicht der Staat den Kindern die Schule aber nicht ausschließlich, um sie als menschliche Ressource nach zwölf oder 13 Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Sie sollen eine Bildung erhalten, in der sie Teil der Gesellschaft sein können, womit sie einen Mehrwert für die Gemeinschaft liefern und auch selbst einen Sinn in ihrem Tun erleben. Sie sollen ein glückliches und erfülltes Leben führen.

Und dazu gehören auf die Bedürfnisse und Ziele der Kinder zugeschnittene Angebote eben auch dazu. Viel zu lange haben wir uns daran gewöhnt, dass Kinder „keinen Bock“ auf Schule haben. In jedem modernen Unternehmen würden die Alarmglocken sehr laut schrillen, wenn die Kund:innen regelmäßig unzufrieden wären. In der Schule nehmen wir es bisher einfach hin, obwohl damit niemandem geholfen ist. Unser Ziel muss doch sein: Jedes Kind sollte nach der Schule die Grundlagen haben, um den Traumjob zu finden und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Innovationsfähigkeit beginnt im Schulalter

Wer Kinder hat, weiß, dass sie der Inbegriff von offen und neugierig sind. Im schlechten, weil sie eben auf die eingeschaltete Herdplatte greifen (aber daraus immerhin meistens lernen). Und im guten, weil gerade die kindliche Phantasie nahezu grenzenlos ist und eben noch keinen Workshop oder Sprint braucht, um sie zu entfachen. Dennoch werden Kreativität, Erfindergeist und (Selbst-)Präsentationsfähigkeit im Schulbetrieb viel zu oft abgewürgt, weil sie sich schwerlich in den Bildungsplänen, die Lehrer:innen durchzuhecheln haben, abbilden lassen. Wie sollen da Gründer:innen nachwachsen, wenn man ihnen als Kindern schon deutlich macht, dass problemlösendes Denken und das eigenständige Entwickeln von Lösungen kein Gut ist?

Dies, wie in Österreich, mit einem Schulfach „Digitale Grundbildung“ zu beantworten, ist eine Möglichkeit, um Raum für Kompetenzen jenseits des klassischen Curriculums zu schaffen.

Doch um langfristig dem einst formulierten Anspruch, nicht nur ein Land der Dichter und Denker, sondern auch der Vordenker:innen und Gründer:innen zu sein, müssen wir weg vom Silodenken, das wir aktuell in den Stundenplänen erleben. Es braucht Projektarbeiten, die klassische Schulfächer kombinieren. Es braucht spielerische Ansätze, die unser Bedürfnis, Lösungen zu finden, befriedigt. Es braucht die Möglichkeit, sich den eigenen Passionen hinzugeben und persönliche Kompetenzen weiterzuentwickeln, die später auch mal nicht mit einer Note bewertet werden.

Kurzum: Wir brauchen Bildung, die Kinder zu neugierigen Erwachsenen heranwachsen lässt. Ohne die Stärkung fachübergreifender Kompetenzen im Stundenplan und darüber hinaus, wird uns das kaum gelingen.