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Das Öl-Embargo der USA ist Sprengstoff für die türkische Wirtschaft

Am Tag vor der Zinsentscheidung der türkischen Notenbank steigt die Nervosität der Anleger, die Lira sinkt. US-Präsident verschreckt die Investoren.


Der Türkei drohen neue Probleme durch den Plan der USA, den Import von Öl aus Iran unter Sanktionen zu stellen: Ein Öl-Embargo könnte die Wirtschaft des Landes in einen Abwärtsstrudel mit unbekanntem Ausgang reißen.

Die türkische Wirtschaft steckt in einer Rezession, die Inflation ist auf knapp unter 20 Prozent pro Jahr angestiegen und wird Prognosen zufolge in den nächsten zwei Jahren nicht unter 14 Prozent sinken. Gleichzeitig verliert die Lira wieder kontinuierlich an Wert.

In dieser Gemengelage muss die Türkische Zentralbank am Donnerstag entscheiden, ob sie die Leitzinsen von derzeit 24 Prozent korrigiert. Die Diskussion um ein Öl-Embargo kommt zur Unzeit – vor allem für die Wirtschaft des Landes.

„Die türkische Lira wird zum Spielball der politischen Beziehungen zwischen den USA und der Türkei“, sagte Analyst Salah-Eddine Bouhmidi vom Brokerhaus DailyFX. „Präsident Erdogan goss gestern weiteres Öl ins Feuer, indem er unmissverständlich klarmachte, dass die Türkei in Sachen iranische Ölimporte nicht den USA gehorchen werde.“

Vor rund einem Jahr hatte US-Präsident Donald Trump bereits den Import von Öl aus Iran sanktioniert, allerdings Ausnahmeregelungen geschaffen. So durften Länder, die besonders stark von iranischem Öl abhängig gewesen waren, weiter iranisches Öl kaufen – darunter China, Indien und die Türkei. Doch dieser „Oil Waiver“ läuft im Mai aus, US-Außenminister Mike Pompeo kündigte am Montag (Ortszeit) bereits an, den Waiver nicht verlängern zu wollen.


Am Tag vor der Zinsentscheidung der türkischen Notenbank steigt daher die Nervosität der Anleger. Sie ziehen sich aus der Währung des Landes zurück und treiben den Kurs des Dollar auf ein Sechs-Monats-Hoch von 5,8806 Lira. Ein Euro verteuerte sich am Mittwochnachmittag (Ortszeit) um 0,8 Prozent auf 5,5932 Lira.

Doch die größere Gefahr ist tiefer in der türkischen Handelsbilanz versteckt. Das Land besitzt selbst keine Öl- oder Gasvorkommen und muss beides in US-Dollar am Weltmarkt einkaufen. Da die Lira zum Dollar innerhalb von zwölf Monaten 43 Prozent an Wert verloren hat, sind Dollareinkäufe wie Öl und Gas im Umkehrschluss binnen kurzer Zeit um 43 Prozent teurer geworden.

Zuletzt kamen rund 12 Prozent aller türkischen Ölimporte aus Iran. Auch ein Fünftel der Gasimporte kaufte der staatliche türkische Versorger Botas im Nachbarland ein.

Die Türkei muss so oder so für Gas aus dem Iran zahlen

Das Problem: Die Kaufverträge sehen vor, dass die Türkei das Gas auch dann bezahlen muss, wenn sie die vereinbarte Menge gar nicht abnimmt – zum Beispiel, wenn die Türkei wegen der Sanktionen auf die Abnahme verzichten muss. Für den Kauf ist Botas auf Zahlungen der türkischen Zentralbank angewiesen, die dafür Milliardenbeträge auf das Botas-Konto überweisen muss.

Die Reserven der Zentralbank schmelzen aber in der Währungskrise. Wenn die Türkei die geplanten Gaslieferungen aus dem Iran trotz Sanktionen bezahlen und gleichzeitig vor dem nächsten Winter den Gasbedarf von anderswo decken muss, würde dies ein tiefes Loch in die Bilanz der Zentralbank reißen.

Derzeit liegen im türkischen Schatzamt nach der Zählweise des Internationalen Währungsfonds (IWF) 28,4 Milliarden US-Dollar Fremdwährungsreserven vergraben. Brutto beträgt der Wert jedoch rund 98 Milliarden Dollar. Zuletzt kamen Zweifel auf, ob die Zentralbank in der Lage ist, bei weiterem Druck auf die Lira handlungsfähig zu bleiben.


All dies lastet auf dem Lira-Kurs. Verliert sie weiter an Wert, verteuern sich dadurch Importgüter immer weiter. Indirekt steigt damit auch die Inflation weiter an. „Die Türkei könnte sich sehr bald in einer schwierigen Lage befinden, wenn die Inflation mit 20 Prozent hartnäckig hoch bleibt“, fürchtet Piotr Matys, Analyst bei der Rabobank in London.

Die türkische Zentralbank befindet sich wieder einmal in einer doppelt- und dreifachen Zwickmühle. Um die schwächelnde Wirtschaft anzutreiben, müsste sie die Zinsen senken; um die Lira zu stützen, wären hohe Leitzinsen angebracht. Die AKP-geführte Regierung bevorzugt ihrerseits niedrige Leitzinsen, damit auch Kredite für Konsumenten günstig bleiben. Doch der neue politische Streit mit den USA – mit all seinen finanzwirtschaftlichen Nebenwirkungen – erfordert eine straffe Geldpolitik.

Am Ende dürfte es auf einen Mittelweg hinauslaufen: Analysten und Börsianer schätzen zum Großteil, dass die türkische Zentralbank den Leitzins am Donnerstag bei 24 Prozent belassen wird.