Deutsche Märkte öffnen in 8 Stunden 7 Minuten

Pokémon Go-Hype: Mobile Monsterjagd verhilft Nintendo zu furiosem Börsencomeback

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
The Rise and Fall
Monsterjagd in Deutschland: Die Pokémons sind los. Foto: David Moir

100 Prozent Plus in nicht mal zwei Wochen: Das ist nicht die Kursbilanz einer Internet-Neuemission, sondern eines der traditionsreichsten Computerspielehersteller der Welt – Nintendo. Das 127 Jahre alte japanische Unternehmen erlebt dank des enormen Hypes um das Smartphone-Spiel Pokémon Go einen zweiten Frühling.

Dass iPhone- und Android-Nutzer längst mit ihren Geräten verwachsen scheinen, ist nichts Neues. Doch wer in diesen Sommertagen in den Großstädten genau hinsieht, wird sich über die besonders intensive Beziehung von Nutzern zu ihren Smartphones wundern. Etwas ist anders: Wie in den ersten Tagen von Facebook können sich Millionen Smartphone-Besitzer nicht mehr von ihren Lieblingsgadgets trennen – hektische Bewegungen, vermeintlich seltsame Routen und erstaunte Ausrufe durchziehen in diesem Sommer ganz Deutschland.

Lesen Sie auch: Nike - Das Apple der Sportbranche läuft weiter allen davon

Der Grund: Die Monster sind los! Wie kein mobiles Computerspiel zuvor elektrisiert die vor zwei  Woche gelaunchte App Pokémon Go die Smartphone-Besitzer rund um den Globus. Pokémon Go ist die Wiederauflage des beliebten Videospiels Pokémon des japanischen Kultunternehmens Nintendo, das vor allem durch seine Handheld-Konsolen Game Boy und Nintendo DS sowie die stationären Videospiel-Konsolen Nintendo Entertainment System und Wii in den vergangenem Jahrzehnten zu einem der wertvollsten Konzerne Nippons aufgestiegen ist.

Taschenmonster Pokémon erleben Renaissance

Im Smartphone-Zeitalter begann Nintendos Stern jedoch zu sinken – beliebte Videospielserien  wie Super Mario, Donkey Kong oder The Legend of Zelda erfreuten sich im 21. Jahrhundert höchstens noch nostalgischer Verklärung.

Anfang Juli erlebt einer der größten Kassenschlager Nintendos plötzlich jedoch eine kaum für möglich gehaltene Renaissance in der Westentasche. Die beliebten Taschenmonster Pokémon, die in den 90er-Jahren in Videospielen, Animation-Fernsehserien und sogar 17 Kinofilmen zu sehen waren, tauchen nun auch auf Smartphones auf.

„Pokémon Go“: Auf Monsterjagd im Freien

Es wird wohl das erfolgreichste Handy-Spiel überhaupt

„Pokémon Go“ heißt die vor zwei Wochen in Apples App Store und in Googles Play Store gelaunchte Mobil-App, die die knuffigen Taschenmonster Pikachu, Woingenau & Co nun rund auf dem Globus auf die Smartphones bringt. Wenn man sie denn zu sehen bekommt! Das nämlich ist die eigentliche Herausforderung der Kult-App, die inzwischen bereits in 35 Ländern verfügbar ist und bis Ende des Jahres in 200 Nationen und damit praktisch flächendeckend rund um den Erdball verfügbar sein soll.    

Das Erfolgsrezept liegt in der gelungenen Übersetzung des Kultspiels in den neusten Trend des  Mobil-Zeitalters: Augmented Reality. Auf dem Bildschirm des Smartphones tauchen in der tatsächlichen Umgebung des Nutzers neben Sehenswürdigkeiten die niedlichen Monster auf, die die Spieler einfangen müssen – je mehr, desto besser. Dabei bleibt es nicht: Wie früher das Tamagotchi wollen auch die Pokémons entwickelt werden, damit sie in höheren Leveln in Arenen antreten können – der Suchtfaktor ist groß.

„Pokémon Go“ legt sensationellen Start hin

Entsprechend stellt „Pokémon Go“ nach wenigen Tagen eine echte Herausforderung für Smartphone-Besitzer dar, die nach Stunden der Monsterjagd in der freien Umgebung mit ihrem Akku zu kämpfen haben, vor allem aber für den App-Anbieter Niantic, der das Kultspiel zusammen mit Nintendo entwickelt hat – am vergangenen Wochenende streikten wegen des gigantischen Nutzeransturms die Server.

Tatsächlich ist es der erfolgreichste Start einer Spiele-App aller Zeiten: Bereits in der ersten Woche konnte Pokémon allein in den USA über 25 Millionen aktive Nutzer verbuchen – mehr als der bisherige Spitzenreiter Candy Crash in seinen besten Zeiten. Beliebte Apps wie Twitter und YouTube hatten durch das Pokémon-Fieber dagegen erhebliche Nutzerrückgänge zu beklagen.   

Nintendo-Aktie explodiert – Electronic Arts und Sony überholt

Die Begeisterung für das Smartphone-Spiel Pokémon Go ist gigantisch

Lohn des Booms: Lizenzgeber und Mehrheitseigner Nintendo erlebt nach vielen dürren Jahren an der Börse einen wahren Boom. Die seit 2007 in der Spitze um 85 Prozent abgestürzte Aktie des tatsächlich schon 127 Jahre alten japanischen Konzerns, der einst als Hersteller von Spielkarten begann, schießt seit vergangener Woche durch die Decke wie eine Internetaktie kurz nach dem Börsengang.

Von 14.000 Yen Anfang Juli zog der Game Boy-Erfinder bis gestern auf über 30.000 Yen ab – ein atemberaubendes Plus von 120 Prozent binnen nicht mal zweier Handelswochen. Vor allem das Ausmaß des Kurssprungs ist bemerkenswert: „Pokémon Go“ verhalf Nintendo zu einer Steigerung des Börsenwerts von stattlichen 25 auf nunmehr über 40 Milliarden Dollar. Damit sind die Japaner über Nacht fast doppelt so viel Wert als US-Spielriese Electronic Arts. Sogar den Verbraucherelektronik-Pionier Sony hat Nintendo damit an der Tokioter Börse hinter sich gelassen.

Japan-Launch steht noch bevor  

Eine App hat die langjährigen Kräfteverhältnisse auf dem Gaming-Markt binnen wenigen Tagen damit auf den Kopf gestellt. Glaubt man Analysten, dürfte Nintendos Höhenflug dank des Pokémon-Booms durchaus noch lange nicht ausgereizt sein. „Die Leute beginnen zu verstehen, dass Pokémon Go mehr als ein Spiel ist“, erklärt Andrew Left von Citron Research gegenüber dem Finanzportal TheStreet.com. „Augmented Reality ist kein Gerücht mehr, es ist ein funktionierendes Geschäftsmodell.“

Dabei können die Millionen Nutzer rund um den Erdball Pokémon kostenlos beziehen – Geld verdient Anbieter Niantic und damit Nintendo und am Ende sogar App Store-Betreiber Apple und Google durch die lukrativen In-App-Käufe innerhalb des Spiels. Der Höhepunkt der Pokémon-Mania steht unterdessen unmittelbar bevor: Am heutigen Mittwoch wird „Pokémon Go“ endlich auch  auf dem japanischen Heimatmarkt gestartet, auf dem traditionell die größte Spielbegeiste-rung herrscht…

Sehen Sie auch: Dumm gelaufen - Pokémon-Spieler rast in Polizeiauto