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Zwischen Geld, Gier und Glauben

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, Sonntag, 8. November 2009, um 10:38 CET

LONDON. Von außen ist es bloß ein alter Kahn, der in einem Kanal zwischen den Hochhausschluchten des Londoner Finanzdistrikts Canary Wharf ankert, er wirkt verloren und schäbig zwischen den Prachtbauten der Finanzindustrie. Doch das Schiff ist zum Sinnbild geworden für das schwierige Verhältnis zwischen der Londoner City und der anglikanischen Kirche. Geld und Glaube prallen hier aufeinander, und das Ergebnis ist ein Geflecht aus Vorwürfen, Missverständnissen und verborgenen Abhängigkeiten.

Der Laderaum des Frachters ist mit hellem Parkett ausgelegt, ein paar Stühle, Tische und ein Pult aus Holz stehen herum. Nichts erinnert an eine Kirche, kein Kreuz und schon gar keine Orgel. Und doch, das alte Binnenschiff ist ein echtes anglikanisches Gotteshaus, das einzige in der näheren Umgebung. Mittwochs und donnerstags zur Mittagszeit kommen regelmäßig 30 bis 40 Banker aus den umliegenden Büros zum Gottesdienst. Gestiftet hat das schwimmende Gotteshaus ebenfalls ein Banker. "Der Spender will anonym bleiben, er hat das Boot von seinem Bonus bezahlt", erzählt Gordon Warren, Pfarrer der St. Anne Gemeinde im Londoner Südosten.

Vom Soldaten zum Geistlichen

Für einen Geistlichen hat Warren eine sehr ungewöhnliche Karriere hinter sich. Nach der Schule ging er zur Marine und gründete danach eine Fluglinie, die am Ende elf Maschinen betrieb. "Ich bin im Sommer im eigenen Jet in den Urlaub geflogen, ein schönes Leben, aber erfüllt hat es mich nicht." Anfang der 90er-Jahre stieg er aus, studierte Theologie und trat eine Stelle als Pfarrer im Londoner Stadtteil Limehouse an - ein armes Viertel, zu dem aber auch der Finanzdistrikt Canary Wharf gehört, mit seinen wohlhabenden Bankern.

"Mehr als 100 000 Leute kommen hier täglich zusammen, nur eine Kirche haben sie vergessen zu bauen", sagt Warren. Das sollte anders werden, nahm er sich vor. Nach einigen vergeblichen Anläufen für ein konventionelles Gotteshaus kam ihm die Idee mit dem Boot, zwischen den Häuserschluchten. Das Kanalnetz, in Canary Wharf wird von der Wasserbehörde betreut, Mietkosten fallen keine an. In den Niederlanden fand er ein geeignetes Schiff. Gebaut wurde der Rheinkahn 1923 und schipperte Jahrzehnte lang auf dem Fluss auf und ab; früher Kohle, später hauptsächlich Altglas. Ein Jahr lang wurde das Schiff in einer holländischen Werft umgebaut. Im Sommer 2003 konnte Reverend Warren schließlich den Dieselmotor wieder anwerfen, wie man ein Boot steuert, hatte er bei der Marine gelernt.

"Unser Schiff ist der Beweis, dass die Bankerboni gar nicht so schlecht sind, die 300 000 Pfund wurden sinnvoll ausgeben", sagt Pfarrer Warren. Gott habe das Geld geschaffen, also sei Geld an sich kein Übel. "Zum Problem wird es erst, wenn es der einzige Lebenszweck ist", sagt der Geistliche. Er selbst hält die Bonuszahlungen, die derzeit für so viel Zorn sorgen , für notwendig. "Die Jungs in Canary Wharf sind Händler und brauchen Anreize." Eine Meinung, die allerdings nicht von jedem in der anglikanischen Kirche geteilt wird.

Bischöfe lesen Bankern die Leviten

Keine zwei Wochen nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers standen für die Church of England die Schuldigen fest. Ihr Oberhaupt, der Erzbischof von Canterbury, Rowen Williams, schrieb in einem Beitrag für das politische Magazin "Spectator": "Karl Marx hatte recht, als er die Risiken des ungezähmten Kapitalismus anprangerte". Und sein Stellvertreter, der Erzbischof von York, John Sentamu, legte wenig später nach und beschimpfte Hedge-Fonds-Manager und Händler von Investmentbanken, die mit ihren Spekulationen die Krise befeuerten als "Bankräuber" und üble "Ausschlachter", die den "falschen Gott Mammon" anbeteten. "Die Kirche sollte lieber vorsichtig sein, wenn sie die Bankräuber aus der City wegen ihrer Geschäfte attackiert", kritisiert Jonathan Bartley, Chef der liberalen Ekklesia-Stiftung. Schließlich hätten sich auch die von der englischen Kirche beauftragten Finanzverwalter auf gewagte Börsendeals eingelassen. So habe die Kirche auf den Verfall des Pfunds gewettet und mehrere hundert Millionen des Kirchenschatzes in ethisch fragwürdige Öl- und Bergbaugeschäfte investiert, sagt Bartley.

Vor der Finanzkrise erzielte die Kirche mit dieser Anlagestrategie jährlich eine Rendite von fast zehn Prozent. Auch in Zukunft will die Church of England nicht auf die Hilfe der Finanzmärkte verzichten.

Der Sinneswandel kam vor wenigen Tagen, verschickt per Post: In einem Protestschreiben der anglikanischen Kirche an den Ausschuss für EU-Angelegenheiten des Unterhauses kritisieren die Kirchenoberen die geplante scharfe Regulierung von Hedge-Fonds durch die EU. "Auch wenn die Richtlinie wohlgemeint ist, so geht sie entschieden zu weit", schreiben die Geistlichen. "Die Maximierung der Erträge auf unsere Investments gehört zu unserer Mission, der Gesellschaft zu helfen." Ein regulierter Markt, befürchten sie, könne die Rendite und womöglich sogar das Kirchenvermögen schmälern.

Pfarrer Warren jedenfalls hofft weiterhin auf Spenden von Bankern, jedoch nicht, damit sein Gehalt steigt, das ist auf 20 000 Pfund festgesetzt, sondern um ein zweites Boot zu kaufen: "Canary Wharf ist groß, eine Kirche reicht nicht."

Kirchenfinanzen

Spenden: Während in Deutschland die Kirchen ihre Gemeindearbeit größtenteils durch Steuern finanzieren, ist die Church of England auf Spenden angewiesen. Auch die Gehälter der Pfarrer werden von den milden Gaben der Gemeindemitglieder bezahlt.

Spekulieren: Weil sie nicht auf Steuergelder zurückgreifen kann, ist die Church of England darauf angewiesen, ihr Vermögen möglichst gewinnbringend anzulegen. Deshalb ist die Kirche zuletzt auch spekulativen Hedge-Fonds in ihrem Kampf gegen schärfere Regulierung zu Hilfe gekommen.

Opfer: Auch die Church of England zählt zu den Opfern der Finanzkrise. 2007 verwaltete die Kirche noch ein Investmentvermögen von 5,7 Mrd. Pfund. Ein Jahr später war die an den Märkten angelegte Summe auf 4,4 Mrd. Pfund zusammengeschrumpft.