Wie die Atombranche aus dem Dornröschenschlaf erwacht

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, Montag, 23. November 2009, um 13:16 CET

HOLLYWOOD/ALABAMA. Jim Chardos lädt ein zu einer Zeitreise. Als er die mächtige Tür zum Kontrollraum des Kernkraftwerks öffnet, tauchen Besucher in eine Welt aus Bahama-beige: Wände und Schränke, riesige Instrumententafeln, alles in Beige. Auf dem Schreibtisch stehen klobige Telefone mit runden Wählscheiben Marke RCA. Diese Radio Corporation of America war einmal einer der größten Konzerne der Welt - in den 60er-Jahren. Nur einen Farbtupfer hat die Atomzentrale: den knallroten Tornado-Alarmknopf. Schließlich liegt draußen hinter der doppelten Betonabschirmung der Staat Alabama, Wirbelstürme toben hier immer wieder.

Chardos? Kraftwerk nahe dem Städtchen Hollywood, Alabama, böte die perfekte Kulisse für einen frühen James-Bond-Film. Gleich könnte Roger Moore alias "007" aus der Deckung springen, um mit seiner Walther PPK einen Fiesling zu erledigen, der die Welt mit einem Atomschlag erpresst.

Jim Chardos bemüht sich, ein Kraftwerk zu zeigen und kein Museum. Der Bauleiter trägt einen Helm und erzählt von Turbinen, Megawatt, Kühltürmen. Von Zeit zu Zeit verplappert er sich auch. "Hin und wieder", sagt Chardos und zeigt auf einen Nadeldrucker Marke Chromajet, "ruft das Smithsonian an und fragt nach den Sachen." Die Smithsonian Institution ist die berühmteste Museumsgesellschaft Amerikas. In ihren Museen stellt sie Dinosaurierskelette aus und Mondfähren.

Was einmal im Museum steht, kommt meist nicht mehr heraus. Jim Chardos weiß das. Doch sein Arbeitgeber, die Tennessee Valley Authority (TVA), der größte öffentliche Energieversorger der USA, will aus dem Technik-Museum in Alabama noch einmal das machen, was es schon vor 35 Jahren werden sollte: das Kernkraftwerk Bellefonte. Ab 2018 könnten hier Atomkerne gespalten werden, um 1200 Megawatt Strom zu erzeugen.

Der waghalsige Plan im Tal des Tennessee Rivers zeigt die Ratlosigkeit der USA, Auswege aus der Energiefalle zu finden. Nirgendwo anders in der entwickelten Welt sind Kraftwerke und Leitungsnetz so veraltet und überfordert wie hier. Immer wieder fällt in ganzen Landstrichen der Strom aus, zuletzt im Februar 2008, als eine Million Bürger in Florida mehrere Stunden ohne Strom verbringen musste.

Da der US-Stromverbrauch bis 2030 um 15 Prozent weiter wächst, wie die Energy Information Agency schätzt, benötigt Amerika dringend neue Kraftwerke. Ein durchschnittlicher US-Haushalt komme auf 26 Steckdosen, sagt David J. Rothkopf, Energie-Experte der Beratungsfirma Garten Rothkopf in Washington: "Wie können wir diese Nachfrage ohne eine massive Wiederbelebung der Kernkraft befriedigen? Wir können es nicht!"

Und dann ist da der Klimawandel. Amerika ist das Land mit den weltweit höchsten Kohlereserven, es betreibt Hunderte von Kohlekraftwerken. Die sind oft 50 oder mehr Jahre alt und wahre CO2-Schleudern.

Viele Energieunternehmen in den USA würden wie Jim Chardos und die TVA wieder auf Kernkraftwerke setzen - ein Milliardenmarkt für Konzerne wie General Electric (NYSE: GE - Nachrichten) (GE) und Hitachi (Xetra: 853219 - Nachrichten) , Toshiba (Berlin: TSE1.BE - Nachrichten) und Westinghouse, Areva (Paris: FR0004275832 - Nachrichten) und Alstom (Paris: FR0010220475 - Nachrichten) , ABB (Virt-X: ABBN.VX - Nachrichten) und Siemens (Xetra: 723610 - Nachrichten) . In China oder Indien, wo die Renaissance (RNS.NZ - Nachrichten) der Kernkraft längst blüht, liefern sich die Konzerne bereits Wettrennen um die Megawattaufträge.

Damit deutsche Unternehmen am Atomaufschwung leichter mitverdienen können, hat die Bundesregierung die Ausfuhrregeln für Atomtechnik gerade gelockert. Das energiehungrige Amerika gilt mittelfristig als einer der attraktivsten Märkte für Kraftwerkstechnik.

Der US-Regulierungsbehörde NRC liegen derzeit Anträge für über 30 neue Reaktoren vor, weitere sollen folgen. Die TVA baut gerade ihren siebten: Block 2 der Anlage Watts Bar im Osten von Tennessee soll in vier Jahren 1180 Megawatt Atomstrom für den Süden der USA liefern.

Manchmal könnte ein Auftrag in den USA allerdings bedeuten, aus Schrottplätzen Kernkraftwerke zu machen - so wie in Bellefonte.

Es ist dunkel, kalt und staubig im Turbinenraum. Nicht dreckig-staubig, eher geheimnisvoll staubig. Bauleiter Chardos, ein Mittsechziger mit schlohweißem Haar und tiefen Furchen im Gesicht, hält eine Taschenlampe, deren Handgriff die Form einer Pistole hat. "Hier", sagt er und leuchtet in eine Ecke, "hier haben sie Rohrleitungen herausgerissen." Das Licht wandert durch das Dunkel in die nächste Ecke: "Zwei Warmwasserbereiter sind auch weg, darüber hinaus Rohre, Pumpen und Motoren."

4,5 Milliarden Dollar hat der Betreiber in Bellefonte versenkt

Rohstoffe im Wert von 16 Millionen Dollar haben Metallhändler herausgerissen aus den Eingeweiden des Kernkraftwerks - mit Billigung des Inhabers, der TVA. Der wollte so wenigstens ein bisschen von der teuersten Investitionsruine der US-Nuklearindustrie profitieren. Keine drei Jahre liegt das Ausweiden zurück. 4,5 Milliarden Dollar hat die TVA einst in Bellefonte verbaut, aber nie auch nur ein Kilowatt Strom produziert. 1974, US-Präsident Richard Nixon stolpert gerade über die Watergate-Affäre, beginnen die Bauarbeiten im Grenzgebiet zwischen Alabama und Tennessee. Das modernste Kernkraftwerk der USA soll entstehen.

Der Staatskonzern TVA kennt sich aus: Er betreibt damals im Norden Alabamas das größte Atomkraftwerk der Welt mit drei Blöcken. Doch die Zeit überholt Bellefonte. Das neue Kraftwerk ist etwa zur Hälfte fertiggestellt, da reißt 1979 der Atomunfall in Harrisburg, Pennsylvania, die TVA aus allen Träumen. Nach Tschernobyl 1986 ist die Atomkraft auch in den USA als Zukunftsenergie tot.

Zuerst stellt TVA die Arbeiten an Block 2 in Bellefonte ein, 1988 wird auch der zu fast 90 Prozent fertige erste Meiler eingemottet. Die Betriebserlaubnis erlischt, 2006 werden die Reaktoren zum Abriss freigegeben und die Alteisenhändler rücken an. Bye-bye, Bellefonte.

Die Betriebserlaubnis hat sich die TVA schon erneuern lassen

Doch nun ist alles anders, Bellefonte soll aus seinem Dornröschenschlaf erwachen, und Daniel Pratt ist der Prinz, der es wach küssen soll. Im fernen Deutschland wird das baugleiche Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich gerade zerlegt und nach Ägypten verschifft. In Hollywood, Alabama, lädt Pratt zur Märchenstunde ein. Der für Bellefonte zuständige Direktor der TVA hat früher im Marketing für den französischen Atomkonzern Areva gearbeitet. Er trägt auch im Turbinenraum Maßanzug, und lächeln kann er wie Tom Cruise: "Es ist doch irre", sagt er, "dass hier bis heute noch kein Watt Strom produziert wurde."

Pratt bittet hinaus ins Freie und zeigt die Umspannanlage, die noch nie etwas umgespannt hat, dann die Kühltürme, zwei 162 Meter hohe Betonmonster, die noch nie einen Liter Wasser kühlen mussten. Ein drei Jahrzehnte alter, jungfräulicher Meiler soll bald Atome spalten? "Beim fundamentalen Design gibt es keine großen Unterschiede zu heutigen Kraftwerken", sagt Pratt. Immer wieder klingelt sein Blackberry. Es sind eben hektische Tage bei der TVA.

"Eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen", schränkt der Direktor zwar ein. Aber die Betriebserlaubnis, die hat sich TVA schon erneuern lassen. Damit sei "der Grundstein gelegt für zusätzliche Optionen in der Nuklearindustrie", sagt Pratt. Die TVA hat versprochen, ihre CO2-Emissionen in zehn Jahren um die Hälfte zu reduzieren. Das aber gehe nur mit mehr Atomstrom, betont Bill McCollum, Chief Operating Officer der TVA.

US-Präsident Franklin D. Roosevelt gründete die Tennessee Valley Authority 1933 im Zuge des "New Deal", um "die Macht der Regierung mit der Flexibilität einer privaten Firma" zu verknüpfen. Die TVA sollte die Region entlang dem Fluss Tennessee, die in der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre sehr gelitten hatte, wirtschaftlich voranbringen. Besonders emsig investierte die TVA in den Dammbau und damit in die Wasserkraft. Bis heute ist die TVA ein Staatskonzern. 2008 betrug ihr Umsatz 10,4 Milliarden Dollar.

Damit der Wettbewerb mit privaten Energiekonzernen halbwegs fair bleibt, verhängte die US-Regierung 1979 eine Verschuldungsgrenze von 30 Milliarden Dollar. Die ist fast erreicht, auch als Folge von Projekten wie Bellefonte. "Wenn wir ein neues Kraftwerk bauen würden", räumt Daniel Pratt ein, müsse man wohl um eine Erhöhung des Schuldenlimits bitten. Auch deshalb steht die Dornröschen-Variante hoch im Kurs: Block 1 in Bellefonte ist alt, aber bezahlt - und fast fertig. Würde man ihn modernisieren, sei die Schuldengrenze "kein Problem", sagt TVA-Manager Pratt.

Amerikas Politiker denken längst darüber nach, wie sie Energiekonzernen wie der TVA bei der Kernkraft-Renaissance helfen können. Präsident Barack Obama gilt zwar nicht als großer Freund der Atomindustrie. Aber selbst er hat kürzlich eingeräumt, dass es "dumm" wäre, auf Atomkraft zu verzichten. Ins marode Stromnetz will er schon einmal drei Milliarden Dollar stecken.

Im US-Kongress denken manche längst größer. Lamar Alexander, Senator von Tennessee, fordert den Bau 100 neuer US-Kernkraftwerke bis 2030. Zwischen 600 Milliarden und einer Billion Dollar könnte das kosten. Der Senator hält das dennoch für eine "günstige Strategie für saubere Energie". Zudem könnte der Staat 100 Milliarden Dollar an Kreditbürgschaften dazutun. Alexander hat durchaus Verbündete im Kongress, auch in den Reihen der Demokraten.

Mehr Atomstrom? In den USA machen die Kernkraftgegner wieder mobil. Zwar gilt die Region um Tennessee und Alabama als eher atomkraftfreundlich, weil die Branche Tausenden von Menschen gut bezahlte Jobs garantiert. Doch wer nach Chattanooga in die regionale Hauptstadt kommt und sich für Kernkraft interessiert, dem liefern die Atomskeptiker ihre Argumente direkt ins Hotel. Sie warnen vor riesigen Milliardengräbern, vor den Gefahren des radioaktiven Abfalls. David Orr, Umwelt-Professor des Oberlin-Colleges im Bundesstaat Ohio, nennt die Atombranche eine "Ein-Fehler-Industrie": Ein nuklearer Störfall reiche aus, "um die komplette Industrie in den USA stillzulegen". Wo die einen Terrorangriffe, Strahlung und Kernschmelze befürchten, hoffen die anderen auf Jobs und Steuereinnahmen.

Claude Ramsey hat zum Frühstück ins Hotel "The Chattanoogan" geladen, um einige Dinge zurechtzurücken. Ramsey ist Bürgermeister in Hamilton County, nur 50 Meilen entfernt vom schlafenden Kernkraftwerk Bellefonte. "Wissen Sie, wie viele Windräder Sie brauchen, um ein einziges Kernkraftwerk zu ersetzen?" fragt er. Vier Amtszeiten hat er bald hinter sich, fünf Enkelkinder in der Familie, doch den Zirkus um Bellefonte mag er bis heute nicht verstehen. Jahrelang habe er nur drei Meilen entfernt gewohnt vom Kernkraftwerk Sequoia, sagt Ramsey - als wäre allein das eine Mutprobe. Kurze Pause, dann winkt Ramsey lässig ab: "Vermutlich ist es gefährlicher, sein Auto aufzutanken."

Das Verhältnis der Amerikaner zur Kernkraft ist ähnlich gespalten wie in Deutschland. Nach 30 Jahren ohne größeren Störfall zeigen nun jedoch Umfragen des Marktforschungsinstituts Gallup, dass erstmals seit langer Zeit wieder eine Mehrheit der Befragten Atomstrom akzeptiert. Zuletzt waren es immerhin 59 Prozent. Für treue Diener der Kernkraft wie Jim Chardos sind das gute Nachrichten, vielleicht die besten in seiner 19-jährigen Karriere bei der TVA. Die Arbeit, so scheint es, wird nicht ausgehen. Um sein schlummerndes Kernkraftwerk Bellefonte wach zu küssen, hätte er acht Jahre lang zu tun.

Stichwort: Atomkraft weltweit

Markt

Mehr als 50 Kernkraftwerke werden derzeit auf der Welt gebaut.

USA

Die Vereinigten Staaten betreiben 104 Kernkraftwerke, mehr als jedes andere Land auf der Welt. Ein Drittel des weltweiten Atomstroms wird in den USA erzeugt. Doch sämtliche Reaktoren stammen aus den 60er- und 70er-Jahren. Seit dem Störfall im Kraftwerk "Three Mile Island" in Pennsylvania sind keine neuen Meiler mehr gebaut worden. Nun liegen der Atomaufsicht Anträge für 30 neue Kernkraftwerke vor.

China

Für die Atomindustrie ist das Reich der Mitte die größte Boomregion. 16 neue Kernkraftwerke werden derzeit in China errichtet, um den Energiehunger des Landes zu stillen.

Frankreich

Fast drei Viertel seines Stroms bezieht Frankreich aus der Kernspaltung. Derzeit baut der Staatskonzern EDF einen neuen Reaktor in Flamanville in der Normandie.

Finnland

Als einziges westeuropäisches Land außer Frankreich baut Finnland derzeit einen neuen Kernreaktor. Wegen zahlreicher Pannen sind die Kosten jedoch explodiert. Statt in diesem Jahr soll der Meiler nun frühestens 2012 anlaufen.

Deutschland

Die neue Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP hat grundsätzlich entschieden, die Laufzeiten der 16 Meiler von RWE (Xetra: 703712 - Nachrichten) , Eon (Xetra: ENAG99 - Nachrichten) , Vattenfall und EnBW zu verlängern. Mitte 2000 hatte die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder den Atomausstieg beschlossen.