BERLIN. Der deutsche Softwareriese SAP will sich mitten in der wohl größten Konsolidierungswelle der IT-Industrie als eigenständiger Anbieter behaupten. "Ich glaube, dass die Idee, alles zusammenzuschweißen und aus einer Hand anbieten zu wollen, eine grottenfalsche Strategie ist", sagte SAP (Xetra: 716460 - Nachrichten) -Vorstandchef Leo Apotheker heute in Berlin. SAP werde sich künftig als unabhängige Alternative zu den immer größer werdenden IT-Konzernen präsentieren.
Kernstück der neuen Strategie soll eine neue Technologie sein, die den Einsatz von Datenbanksystemen überflüssig macht. Das zielt auf IBM (NYSE: IBM - Nachrichten) und Microsoft (NASDAQ: MSFT - Nachrichten) , vor allem aber auf die Datenbanklösung des Erzrivalen Oracle. Diese dient bisher bei rund 60 Prozent der Kunden als Grundlage für den Einsatz von SAP-Software (Frankfurt: A0XFVC - Nachrichten) .
Die Walldorfer reagieren damit auf den wachsenden Druck auf ihr Kerngeschäft. Große Unternehmenskunden, die Domäne von SAP, sind in der Regel gut mit Software ausgestattet und scheuen neue Investitionen. So brach das Lizenzgeschäft im dritten Quartal um fast ein Drittel ein. Bereits in den Quartalen zuvor schwächelte der Verkauf neuer Software. Lediglich dank Sparbemühungen gelang es, die Marge leicht zu steigern.
Analysten der Gartner Group glauben, dass diese Entwicklung strukturelle Gründe hat. Vor allem aber bemängeln sie eine fehlende Strategie. "Hohe Profitabilität ohne Wachstum bietet keine Perspektive", mahnt Thomas Otter von Gartner (NYSE: IT - Nachrichten) .
Dagegen schneiden Wettbewerber wie Oracle derzeit besser ab. Das liegt auch an einer Übernahmewelle, wie sie die IT-Industrie noch nicht erlebt hat. Es vergeht kaum ein Tag ohne Transaktion. Vor allem Oracle hat sich einen Namen als aggressiver Aufkäufer gemacht. Unter anderem will das US-Unternehmen den Software- und Serverspezialisten Sun kaufen, was aber der EU-Kommission ein Dorn im Auge ist.
SAP-Chef Apotheker will sich von dieser Entwicklung nicht unter Druck setzen lassen: "Wer alles anbietet, läuft Gefahr, Innovation zu verpassen, weil er sein gesamtes System schützen muss." SAP setze auf Ko-Innovationen. "Es ist anmaßend zu glauben, alles alleine machen zu können."
Ein Beispiel für solche Innovationen sind Hauptspeicherdatenbanken, im Fachjargon "In Memory". Firmensoftware erstellt eine Unmenge von Daten. Deshalb setzen Programme wie SAP auf Datenbanksoftware auf, ähnlich wie eine Textverarbeitung ein Betriebssystem benötigt. Diese Software archiviert und rubrifiziert Daten und stellt diese bei Bedarf wieder zur Verfügung.
SAP hat nun eine Technik entwickelt und patentieren lassen, die den direkten Zugriff auf die Daten über den Chip im jeweiligen Rechner des Mitarbeiters ermöglicht. Dies geht, weil die Prozessoren leistungsfähiger werden. Partner von SAP ist der Chipriese Intel. "Das System ist bis zu 10 000-mal schneller. Wir werden in Zukunft Anwendungen auf den Markt bringen, die diese Technologie nutzen", kündigte Apotheker an.
SAP greift damit nach dem Kerngeschäft von Oracle. Der US-Rivale ist mit Datenbanken groß geworden, erzielt vor allem hierüber Margen, die mit 35 Prozent deutlich über den etwa 28 Prozent von SAP liegen. "Bis sich In-Memory breiter am Markt durchgesetzt hat, wird es sicherlich drei bis vier Jahre dauern. Aber vielleicht schaffen wir es ja auch schneller. Wir haben zumindest einen Vorsprung", sagt der SAP-Chef.
Arbeitsgruppe zur Preispolitik
Wie schnell die neue Technologie zu Umsatz wird, wollte Apotheker nicht sagen. Grundsätzlich machte er deutlich, dass es vorerst schwierig bleibe. "Ich glaube nicht, dass wir von einem Aufschwung sprechen können", sagte der SAP-Chef. Dennoch seien die mittelfristigen Wachstumsaussichten der SAP gut, Apotheker sprach von einer Wachstumswelle in den kommenden zehn Jahren.
Bis dahin muss das Unternehmen vor allem eines leisten: das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Dies ist nicht zuletzt für die Positionierung als Alternative zu Giganten wie Oracle notwendig. Denn viele Kunden fühlen sich gerade im Fall SAP den Forderungen des Softwarekonzerns ausgeliefert. Das betrifft vor allem die angekündigte Erhöhung der Preise für die Wartung. Zwar hatte SAP hier zum Teil bereits eingelenkt. Dennoch ist die deutschsprachige SAP-Anwender-Organisation DSAG nach wie vor unzufrieden mit dem Angebot.
Apotheker räumte eine "unglückliche Kommunikation" ein, machte aber zugleich deutlich, dass nach einer zehnjährigen Phase stabiler Wartungspreise eine Erhöhung angesichts steigender Kosten unumgänglich sei. "Wir haben aber Verständnis für den Kostendruck, unter dem unsere Kunden stehen. Wir haben deshalb eine interne Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit diesem Thema beschäftigt", sagte Apotheker.