Letzte Hoffnung für Motorola

ftd
, Dienstag, 24. November 2009, um 8:30 CET

Manchmal blitzen sie auf, die Arroganz des Branchenpioniers und das Selbstbewusstsein des neuen Machers an seiner Spitze. Vor zwei Wochen etwa, an dem Tag, als Motorola das neue Smartphone Droid auf den Markt brachte, prahlte Sanjay Jha: "Wenn wir an die Fortschritte des vergangenen Jahres anknüpfen, können wir es mit allen aufnehmen." Da ist er der Aufbruch!

Doch wirklich ernst kann Jha das nicht gemeint haben. Mit allen aufnehmen? Längst ist Motorola abgestürzt, gerade die Handysparte, die in den vergangenen drei Jahren 4 Mrd. $ Verlust machte. Ihr Marktanteil liegt nur noch bei 4,5 Prozent. Eine Schmach für die Firma, die 1983 das erste Handy auf den Markt brachte.

Aber die Firmeneigner glauben an ihren Retter, an Sanjay Jha, der einen blendenden Ruf hat - und ein unfassbares Gehalt. In seinem ersten Jahr konnte Jha noch nicht beweisen, dass er sein Geld wert ist. Nun drängt die Zeit. Kriegt er die Kurve nicht, ist alles verloren für die Handysparte.

Um Jha zu holen, hatten die Konzerneigner ihm ein Aktien- und Optionspaket über 104 Mio. $ geschnürt, das ihn im vergangenen Jahr zum bestverdienenden CEO der USA machte. Nun teilt er sich den Spitzenjob mit Greg Brown . Jha leitet als Co-CEO die Handysparte, Brown den Rest des Konzerns. Die ernüchternde Bilanz seines ersten Jahres: Der Marktanteil im Handygeschäft hat sich fast halbiert.

Aber nun soll alles anders werden: Mit den neuen Modellen will Jha die Sparte wieder stark machen, so stark, dass er sie abspalten und verkaufen kann, genau so, wie Großaktionär Carl Icahn sich das wünscht. Was hatte sich Icahn deswegen mit dem Ex-Motorola-Chef Ed Zander für einen zähen Schlagabtausch geliefert. Jha dagegen diskutiert nicht, er führt aus. Wenn er es tatsächlich schafft, die Sparte bis Ende Oktober 2010 abzuspalten, bekommt er drei Prozent der Anteile des dann eigenständigen Handyherstellers.

Was er kann, hat der in Großbritannien ausgebildete Inder vor seinem Wechsel zu Motorola beim Handychiphersteller Qualcomm gezeigt. 1994 stieg er dort als Ingenieur ein und verließ das Unternehmen im vergangenen Jahr als Chief Operating Officer. In der Branche gilt er als eine Führungskraft, die technisches Wissen und Management-Know-how verbindet wie kaum ein anderer.

Mit der Markteinführung der ersten Motorola-Smartphones zum wichtigen Weihnachtsgeschäft hat Jha sein erstes Versprechen eingelöst. In der Aufsichtsratssitzung Ende Januar dieses Jahres hatte er die Mitglieder des Boards vor die Wahl gestellt: "Ich habe jede einzelne Option präsentiert, einschließlich der Schließung der Handysparte, der Abspaltung oder der Verkleinerung", beschreibt er die Alternativen. Am Ende bekam er grünes Licht für weitere Investitionen ins defizitäre Geschäft. Dafür sagte er zu, die Handysparte bis 2010 in die schwarzen Zahlen zu führen.

Bei der Sanierung ist Jha schon ein gutes Stück vorangekommen: Bis zum Jahresende sollen die Kosten im Konzern um 1,9 Mrd. $ gesenkt sein, rund 30 Prozent der Stellen werden abgebaut, allein im ersten Halbjahr hat Motorola 8000 Jobs gestrichen. Bereits im zweiten Vierteljahr konnte der Konzern einen bescheidenen Überschuss von 26 Mio. $ ausweisen.

Ein kleiner Lichtblick, nachdem bei Motorola allzu lange einfach nichts gelingen wollte. Die letzten Erfolge feierte das Unternehmen vor fünf Jahren mit dem Modell "Razr": 2004 kam das superflache Klapphandy auf den Markt, mit dem Motorola zumindest beim Design noch einmal Maßstäbe setzte - technisch hatten die Amerikaner aber schon damals den Anschluss verloren. In der Folgezeit blieben nennenswerte Innovationen ganz aus. Nokia zog davon. Samsung und LG, die Verfolger aus Südkorea, drängten den einstigen Platzhirsch ab. Auf dem neuen Markt für leistungsstarke Smartphones tauchte Motorola erst gar nicht auf, während Debütanten wie der kanadische Blackberry-Hersteller RIM abräumten. Auch den Wandel zum mobilen Internet verschliefen die Motorola-Manager. Dem 2007 vorgestellten iPhone von Apple hatte der Konzern mit Firmensitz am Rande von Chicago bis vor wenigen Wochen nichts entgegenzusetzen.

Das soll nun mit den Smartphones Droid und Cliq anders werden. Beide basieren auf Googles Betriebssystem Android und sollen das Surfen im Internet sowie das Kommunizieren in sozialen Netzwerken erleichtern. Von den Technikexperten in den US-Medien bekommen die Geräte gute Noten: "Das beste Motorola-Handy, das ich je getestet habe", befindet Walt Mossberg im "Wall Street Journal", ein "Killer Phone", bejubelt der renommierte Gadget-Tester David Pogue von der "New York Times" das Droid. Vielleicht sogar ein potenzieller iPhone-Killer?, raunt man in der Branche. Immerhin bietet Motorolas US-Partner Verizon ein weitaus besser ausgebautes Breitbandnetz (3G) als der Apple-Partner AT&T .

Doch die gut 250.000 Geräte, die nach Analystenschätzungen in der ersten Woche nach der Einführung des Droid Anfang November verkauft wurden, dämpfen die Euphorie. Eine Million müssten es auf dem amerikanischen Markt bis zum Jahresende mindestens werden - diese Verkaufszahl hatte das neue iPhone schon nach ein paar Tagen geschafft. Gerade erst hat der Vertrieb der Milestone getauften Variante für europäische Kunden begonnen. Und ohne den Heimvorteil tut sich das neue Smartphone hier deutlich schwerer.

Aber immerhin: Motorola ist wieder da. Dass das harte Arbeit war, sieht man Jha an, als er das erste neue Gerät Anfang September auf einer Messe in San Francisco vorstellt. Seine Augen sind müde, die Anspannung zwingt die Mundwinkel des Konzernchefs selbst beim Lächeln nach unten. Nur mit Mühe gelingt es ihm, die Vorzüge des Cliq zu erklären. Fast erleichtert wirkt er, als am Ende sein Handy in der Jacke klingelt - das verabredete Zeichen, um den nachfolgenden Redner auf die Bühne zu bitten.

Jha weiß, dass Motorola auch mit den neuen Geräten den freien Fall der Absatzzahlen bestenfalls bremsen kann. Keine 14 Millionen Handys verkaufte Motorola im dritten Quartal, im Vorjahreszeitraum waren es noch fast 25 Millionen. Deshalb sucht der Co-CEO jetzt nach passenden Nischen, setzt auf Amerika und China, wo seine Marke noch einen guten Ruf hat.

Zentrale Säule seiner Strategie aber ist das Smartphone-Geschäft, hier muss Motorola endlich Fuß fassen. Für die Endgeräte des mobilen Internets erwarten Branchenexperten die höchsten Zuwachsraten. Fast 30 Prozent waren es in den vergangenen zwölf Monaten, während der Absatz von Mobiltelefonen insgesamt weltweit leicht einbrach. "Es ist richtig, sich erst mal auf das Smartphone-Geschäft zu konzentrieren und nicht zu versuchen, alles auf einmal zu reparieren", lobt Gartner-Analystin Carolina Milanesi die neue Strategie.

Die Partnerschaft mit Google erleichtert es Motorola außerdem, notorische Schwächen in der Entwicklung eigener Software vergessen zu machen und das Entwicklungsbudget zu schonen. Der Suchmaschinenkonzern treibt die Entwicklung der offenen Plattform Android bereits seit zwei Jahren voran.

Doch auch andere Anbieter wie Sony Ericsson springen auf diesen Zug. Zudem drängen Dell und Acer mit Android-Smartphones ins Geschäft, die Jha unangenehm werden könnten, "weil die neuen Wettbewerber als PC-Hersteller ein hohes Renommee haben", sagt Francisco Jeronimo vom Marktforscher IDC. Schließlich fehlen Motorola neue, preiswerte Geräte unterhalb des Smartphone-Segments, um in den immer wichtigeren Schwellenländern an alte Erfolge anknüpfen zu können. "Mittelfristig reicht die Fokussierung auf Android nicht aus, um im Wettbewerb zu bestehen", warnt daher Jeronimo.

Noch hat es Jha nicht geschafft, die zum Verkauf stehende Handysparte ausreichend aufzupeppen. Den kühl kalkulierenden Finanzinvestoren hat er trotz aller Sanierungserfolge und aktueller Innovationen offenbar noch immer zu wenig zu bieten. Sie interessieren sich eher für die anderen, profitableren Konzernsparten. So wird bei Motorola schon eine Abspaltung der Netzwerksparte erwogen, zu der auch das Geschäft mit TV-Settop-Boxen gehört. Nach offiziell nicht bestätigten Informationen des "Wall Street Journal" soll Chairman David Dorman diese Variante bereits prüfen lassen, nachdem die Private-Equity-Firmen TPG und Silver Lake Partners Interesse an einer Übernahme gezeigt haben.

Augenblicklich dürfte die Handysparte nur strategische Investoren, vor allem aus Fernost, reizen. Motorola könnte am Ende einen Weg gehen müssen wie die US-Ikone IBM : Die hatte ihr schwächelndes PC-Geschäft an den chinesischen Hersteller Lenovo verkauft.

Als mögliche Käufer der Sparte kommen die chinesischen Konzerne Huawei oder ZTE infrage, die bereits das Netzausrüstergeschäft aufgerollt haben und nun in den Endgerätemarkt vorstoßen. "Wenn sie die Marke Motorola mit ihren Produktionskapazitäten kombinieren, würden sie in vielen Märkten schnell an Gewicht gewinnen", glaubt Analyst Jeronimo. Nicht ausgeschlossen also, dass Amerikas bestbezahlter Manager über die nächste Gehaltserhöhung mit Anteilseignern aus der Volksrepublik verhandeln muss.