NEU-DEHLI/FRANKFURT. Reliance biete zehn bis zwölf Mrd. Dollar, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters zwei Personen, die mit dem Angebot vertraut seien. Bei Erfolg wäre das die zweitgrößte Übernahme durch ein indisches Unternehmen im Ausland nach dem Kauf des britisch-niederländischen Stahlkonzerns Corus durch Tata Steel im Jahr 2007.
Reliance Industries würde durch den Kauf von einem Unternehmen mit regionaler Bedeutung in die Weltliga der Petrochemiekonzerne aufsteigen. Lyondell-Basell ist weltweit die Nummer drei der Branche und erzeugt Kunststoffe wie Polyäthylen und Polypropylen. Das Unternehmen war wegen einer Schuldenlast von nahezu 24 Mrd. Dollar in Zahlungsschwierigkeiten geraten und hatte im Januar in den USA Antrag auf Gläubigerschutz gestellt.
Reliance Industries habe eine unverbindliche Barofferte für einen Mehrheitsanteil an Lyondell-Basell abgegeben, teilte das Unternehmen mit, ohne einen Betrag zu nennen. Laut LyondellBasell würde die mögliche Übernahme einhergehen mit dem Ende des Gläubigerschutzes und sei eine mögliche Alternative zu dem bisherigen Restrukturierungsplan.
Das Unternehmen mit Sitz in Rotterdam hat einen Umsatz von 5o Mrd. Dollar und beschäftigt weltweit 17 000 Mitarbeiter, davon mehr als 2500 in Deutschland. Es ist Weltmarktführer für Polypropylen und ein bedeutender Anbieter von Katalysatoren. Eigentümer von Lyondell-Basell ist die Access Industries Holding des russisch stämmigen US-Investors Len Blavatnik. 2005 hatte Access zunächst von BASF und Shell (London: RDSB.L - Nachrichten) das Unternehmen Basell erworben. 2007 folgte der überwiegend kreditfinanzierte Kauf des US-Wettbewerbers Lyondell Chemical und die Verschmelzung beider Firmen. Der Einbruch der Nachfrage nach Petrochemieprodukten vergangenes Jahr und die hohen Schulden zwangen das Unternehmen, Gläubigerschutz zu beantragen. Anleger haben den Vorwurf erhoben, die hohen Kredite für die Übernahme hätten zur Überschuldung von Lyondell-Basell geführt. Sie haben eine Klage gegen mehrere Gläubigerbanken eingereicht.
Reliance Industries hatte Anfang des Monats angekündigt, man suche nach "interessanten Gelegenheiten", nachdem infolge der Wirtschaftskrise die Zahlungsfähigkeit möglicher Übernahmekandidaten gelitten habe. Ob das vom reichsten Inder Mukesh Ambani kontrollierte Unternehmen den geplanten Kauf tatsächlich abschließen kann, ist aber noch nicht sicher. Analysten vermuten, dass auch andere Wettbewerber oder institutionelle Investoren ein Gebot für Lyondell-Basell abgeben könnten. Reliance selbst hat die Übernahme unter den Vorbehalt einer genauen Prüfung der Bücher von Lyondell-Basell (Due Dilligence) gestellt sowie ausreichender Unterstützung der Gläubigerbanken.
Finanzierungsprobleme dürften die Inder kaum bekommen. Laut einer aktuellen Analyse der australischen Investmentbank Macquarie verfügt das Unternehmen über Barreserven in Höhe von vier Mrd. Dollar und kann zudem eigene Anteile im Volumen von acht Mrd. Dollar verkaufen. Im September hatte Reliance Aktien im Wert von 660 Mio. Dollar an die Börse gebracht. Bereits damals vermuteten Analysten Übernahmeabsichten als Grund. Indiens größtes Konglomerat nach Börsenwert ist unter anderem in der Öl- und Gasförderung tätig und betreibt an der Ostküste des Subkontinents die weltweit größte Raffinerie.
Lyondell-Basell hat nach heftigen operativen Verlusten und massiven Vorratsabwertungen für 2008 bei rund 50 Mrd. Dollar Umsatz 7,3 Mrd. Dollar Verlust verbucht. Im ersten Halbjahr 2009 fiel ein weiterer Fehlbetrag von knapp 1,4 Mrd. Dollar an, während sich der Umsatz auf 13 Mrd. Dollar halbierte. Der Restrukturierungsplan, den Lyondell-Basell im Zuge des Insolvenzverfahrens vorlegte, sieht für die nächsten Jahre nur eine schrittweise Erholung der Ertragskraft vor. Branchenkenner schätzen den Unternehmenswert auf dieser Basis auf zehn bis vierzehn Mrd. Dollar. In dieser Größenordnung müsste sich aus ihrer Sicht auch die Offerte von Reliance bewegen, damit sie eine Chance auf Erfolg bei den Gläubigern haben kann.
Formaler Eigentümer von Lyondell-Basell ist seit Mai ein Unternehmen namens Pro-Chemie GmbH, ein Joint Venture von Access Industries und der vom Finanzinvestor Andreas Heeschen kontrollierten Pro-Chemie Holding. Defacto wird er aber von den Gläubigerbanken kontrolliert. Nach Abschluss des Insolvenzverfahrens dürfte er sich in der Hand von Banken und Private Equityfirmen befinden, die jetzt das Insolvenzverfahren nach dem amerikanischen Chapter 11 finanzierten.
Größtes Engagement aus Asien
Sollte sich Reliance bei ihnen mit der Offerte durchsetzen, könnte das auf das bisher größte Engagement eines asiatischen Konzerns in der westlichen Chemieindustrie hinauslaufen. Lyondell-Basell ist sowohl in den USA, als auch in Europa sowie mit mehreren Joint Ventures auch im mittleren Osten stark vertreten. In Deutschland betreibt der Anbieter eine große Kunststoffproduktion in Wesseling bei Köln mit rund 2000 Mitarbeitern.
Der Kauf westlicher Chemiefirmen hat sich für Akteure aus Asien allerdings längst nicht immer als lohnende Investments erwiesen. So hat Reliance 2004 den deutschen Faserhersteller Trevira erworben, schickte ihn Mitte des Jahres aber sang und klanglos in die Pleite, nachdem es offenbar keine Aussicht auf einen erfolgreichen Turn-around bei der früheren Tochter von Hoechst gab.