Nicht, dass wir uns depressiven Zeiten entgegensehnen, aber einigen Teilen der arbeitenden Bevölkerung geht es ja nach weit verbreiteter Ansicht schon wieder viel zu gut, eben jenem Teil, der uns zum großen Teil den Schlamassel eingebrockt hat. Die Kanzlerin attestierte denn den Bankern jüngst auch, schon wieder eine recht dicke Lippe zu riskieren. Ein Leidtragender der schnellen Markterholung und des Weiterfeiernwollens an den Märkten ist die Qualität der Aktienanalyse. Vor einem Jahr, als Kapitalmärkte und Moral am Boden lagen, konnte man erstaunlich gute Studien lesen. Die Analysten fingen an, außerhalb ihrer eingetretenen Pfade zu denken, bis dato undenkbare Szenarien aufzustellen, Themen wie Nachhaltigkeit, Übertreibung und die Konzentration aufs Wesentliche einfließen zu lassen, und es wurde grundsätzlich mehr als zuvor infrage gestellt. Erstaunlich, wie kreativ die Gilde auf einmal war, als sie keine Kurse treiben konnte.
Heute ist das kritische Denken wieder in der Defensive. Bei den sagenhaften Marktrallys stört der Blick auf die absolut noch recht unerfreulichen Fundamentaldaten. Was interessieren staatliche Verschuldungsrekorde, wenn die Bankengewinne wieder für üppige Boni reichen? Da heißt es wieder auf den 2006/07-Modus umzustellen und den davoneilenden Kursen Gründe hinterherzuschmeißen, warum bisheriger und zukünftiger Anstieg berechtigt sind. So beglücken die Strategen von Goldman Sachs die Welt mit einer Studie, die empirisch belegt, dass es im Dezember meist überdurchschnittlich gut an der Börse läuft. Goldman weist darauf hin, da viele Investoren angesichts der Indexstände einerseits und der ökonomischen Realität andererseits wieder skeptisch werden. Es wird befürchtet, dass die Zinswende oder eine möglicherweise schwächere Erholung 2010 die Indizes wieder auf Talfahrt schickt. Doch wenn, dann noch nicht jetzt, so die Goldjungs.
Seit 1974 gemessen haben Europas Börsen im Dezember doppelt so gut abgeschnitten wie im Rest des Jahres. Überhaupt lief es im vierten und ersten Quartal im Schnitt überdurchschnittlich gut, sodass sich das Börsenmotto "Sell in May and go away" durchaus bewährt - im Schnitt. Wie es sich bewährt, seine Anlageentscheidung angesichts einer bisher weltweit wohl einmaligen (negativen) Konstellation auf Durchschnittsbetrachtungen zu basieren, das mögen die Investoren entscheiden, die sich 2007/08 ebenfalls auf historische Reihen und Korrelationen verlassen haben.