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WIEN. Ein eisiger Wind pfeift über die karge Landschaft. Kaum ein Baum, kaum ein Busch, alles weite Felder. Im Hintergrund hört man die Autobahn Richtung Wien, schwere LKWs sind unterwegs nach Österreich. Am Horizont ragen die Plattenbauten der slowakischen Hauptstadt Bratislava auf, ein nicht besonders ansehnliches Erbe aus alten sozialistischen Zeiten.
Ausgerechnet diesen Platz im öden Grenzgebiet zwischen der Slowakei und Österreich hat sich der amerikanische Glücksspielkonzern Harrah's als neues Betätigungsfeld ausgewählt. Auf der grünen Wiese, aus dem Nichts heraus, will der Betreiber des weltbekannten Caesars Palace in Las Vegas ein gewaltiges Vergnügungszentrum mit Casinos, Hotels und Thermalbädern aus dem Boden stampfen. Gigantisch ist auch der finanzielle Einsatz: 1,5 Mrd. sollen in den kommenden Jahren in der slowakischen Erde verbaut werden.
Doch das Bauprojekt von Harrah's ist nicht das einzige Vorhaben, das diese ländliche Gegend 60 Kilometer östlich von Wien bewegt. Nur wenige Kilometer von Bratislavas südlichem Stadtrand entfernt interessiert sich ein anderes amerikanisches Unternehmen für die weiten, unberührten Felder in der Donau-Ebene. Der US-Vergnügungskonzern Hard Rock International plant ebenfalls ein milliardenschweres Bauprojekt mit Hotels und Casinos. Das allerdings wird - wenn es denn überhaupt kommt - auf ungarischem Boden stehen. Denn nur knapp 20 Kilometer von der slowakischen Hauptstadt entfernt beginnt bekanntlich ungarisches Hoheitsgebiet. "Eurovegas" hat Hard-Rock sein Vorhaben getauft, Harrah's nennt das slowakische Konkurrenzprodukt "Metropolis".
Weil die Wachstumschancen auf dem heimischen Markt weitgehend ausgereizt sind, setzen amerikanische Glücksspielkonzerne zurzeit auf Europa. Auf dem Alten Kontinent ist die Kasinodichte geringer, der Nachholbedarf bei Roulette und einarmigen Banditen groß. Und das Dreiländereck Österreich/Slowakei/Ungarn gilt als Drehscheibe, von der aus sich mehrere Ballungsräume in vergleichsweise kurzer Zeit erreichen lassen.
"Von Ungarn aus wollen wir Europa erobern", sagt Jim Allen, Vorstandschef von Hard Rock International. Im 200-Kilometer-Umkreis leben knapp 30 Millionen Menschen, die vier nahe gelegenen Flughäfen Wien, Bratislava, Prag und Budapest kommen jährlich zusammen auf 40 Millionen Passagiere. Aus Sicht der Investoren ist die Ansiedlung in der Grenzregion zwischen Ost- und Westeuropa ein totsicherer Tipp.
Ganz ohne lokale Unterstützung kommen allerdings auch Harrah's und Hard Rock nicht aus. Beide arbeiten mit ungarischen und österreichischen Immobilien-Entwicklern zusammen, die ihnen bei der Realisierung der Projekte helfen. Harrah's kooperiert mit Trigranit aus Budapest, Hard Rock mit dem österreichischen Immobilienunternehmen Asamer. Politische Unterstützung ist den Amerikanern ebenfalls avisiert worden. Der slowakische Finanzminister Jan Pociatek hat eine Gesetzesänderung angekündigt, mit der das Genehmigungsverfahren beschleunigt werden soll. Der Grund für die schnelle Reaktion: Die Slowakei ist von der Wirtschaftskrise hart getroffen, Tausende von neuen Arbeitsplätzen und gewaltige Steuereinnahmen sind ein großer Anreiz für den Staat.
Aber zunächst einmal sind dies alles nur Blütenträume - auch wenn theoretisch beide Vorhaben Ende nächsten Jahres in Bau gehen könnten: Um den Finanzierungsbedarf am Anfang niedrig zu halten, wurden die Projekte in mehrere Bauabschnitte unterteilt, Harrah's und Hard Rock sind beide für den Anfang mit 200 Mio. Euro dabei. Doch es gibt erhebliche Zweifel daran, ob die beiden avisierten Vergnügungszentren wirklich in ihrer geplanten Form gebaut werden können.
Das größte Problem: Beide Projekte liegen nur gut zehn Kilometer auseinander, wirtschaftlich tragfähig dürfte daher nur ein Vorhaben sein. Zudem hat die Immobilienbranche in Osteuropa immer noch gewaltige Probleme. "Die Finanzierung von Großprojekten - vor allem auf der grünen Wiese - ist unverändert schwer", beschreibt Günther Artner, Immobilien-Spezialist bei der Ersten Bank in Wien, die derzeitige Lage. Investoren müssten damit leben, dass die Kreditinstitute einen höheren EigenkapitalAnteil verlangen.
Trigranit, der Kooperationspartner von Caesars-Palace-Betreiber Harrah's, begreift die Ansiedlung größerer Casino (Paris: FR0000125585 - Nachrichten) -Komplexe als Wettbewerb unter Investoren. "Wir glauben natürlich an unser Projekt", sagt Trigranit-Vertreter György Tabori. Genauso wie die Banken: Die spielten beim gemeinsam mit Harrah's geplanten Großvorhaben schließlich mit. Immerhin: Beide Investorengruppen haben den Kauf ihrer Grundstücksflächen praktisch abgeschlossen. Am Ende allerdings dürfte einer der beiden Investoren das Nachsehen haben. So können sich Hase und Igel zumindest auf einer Seite der slowakisch-ungarischen Grenze auch weiterhin in Ruhe Gute Nacht sagen.