Haasis sieht wenig Spielraum für WestLB-Hilfen

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, Montag, 23. November 2009, um 16:56 CET

Herr Haasis, Sie sind Präsident des größten Finanzverbundes in Europa. Wo stehen wir in der Finanzkrise, wenn Sie sich die Lage Ihrer Familie anschauen? Nehmen wir einen 100-Meter-Lauf, an welcher Marke sind wir derzeit?

Nun, die Sparkassen machen Geschäfte, die sie verstehen. Deshalb sind sie sehr gut durch die Finanzkrise gekommen. Was die internationalen Verflechtungen auf den Kapitalmärkten angeht, können wir keine Prognose abgeben. Alles in allem sind wir aber sicher weit in der zweiten Hälfte der Wegstrecke

Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Wir sehen deutliche Anzeichen der Entspannung, die Banken bekommen wieder längerfristiges Geld und die Risikozuschläge an den Kapitalmärkten haben sich vermindert. Wir nähern uns der Normalität an.

Was heißt normal?

Die Situation ist nicht wie vor der Krise, die werden wir auch nicht wiedersehen. Das hoffe ich übrigens, denn bestimmte Geschäfte wird es hoffentlich nie wieder geben. Damit meine ich Kreditersatzgeschäfte, also spekulative Deals an den Kapitalmärkten ohne Bezug zur Güterwirtschaft. Leider kehrt auch eine negative Normalität zurück, etwa bei den Boni für die Investmentbanker. Da hat man den Eindruck, der Tanz geht schon wieder los, dagegen versuchen wir uns ein Stück weit aufzulehnen ?

Und was heißt hier auflehnen?

Dort wo wir Einfluss haben, etwa bei den Landesbanken, drängen wir darauf, dass Risikoaktiva massiv abgebaut und das Kreditersatzgeschäft zurückgefahren wird.

Wird das ganz gestrichen?

Nein, aber zurückgedrängt bis auf den Kern, den eine Landesbank für das Kundengeschäft braucht.

Wie kommen die Sparkassen in diesem Jahr raus?

Das Geschäft ist gut gelaufen, wir werden ein besseres Ergebnis haben als 2008. Die Zinserträge haben sich wieder verbessert. Die Risikovorsorge ist weniger hoch als geplant, das gilt vor allem für die Wertpapierseite. Auch die Wertberichtigungen auf Kredite werden weniger hoch sein, als wir zu Jahresbeginn angenommen hatten.

Also läuft es traumhaft für Sie?

Es läuft besser als 2008, aber nicht traumhaft. Aber das liegt auch daran, dass die Unternehmen gegenwärtig ihr Eigenkapital als Puffer in der Krise aufbrauchen, deshalb kann da von der Kreditausfallseite noch etwas nachkommen. 2010 wird der Bedarf an Wertberichtigungen hier größer sein als in diesem Jahr. Wir sind immer ein Jahr im Nachlauf ?

Im vergangenen Jahr war die Cost-Income-Ratio bei 67,4 Prozent, was nicht so ganz überzeugend ist, mittelfristig streben sie ja 60 Prozent an. Wird das Verhältnis von Kosten zu Ertrag 2009 besser?

Etwas besser, ja. Die Kostenblöcke bleiben gleich, die Erträge sind gestiegen. Ich gehe davon aus, dass wir ziemlich mittig zwischen 60 und 70 rauskommen. Und das ist im internationalen Vergleich für Retailbanken ein sehr guter Wert.

Öffnet sich die Schere zwischen guten und schlechten Sparkassen weiter?

Der Erfolg einer Sparkasse hängt weder an der Größe noch an der Region. Entscheidend sind das Management an der Spitze und das Personal. Die Herausforderung der kommenden Jahre ist, weiterhin gute Vorstände und gute junge Mitarbeiter zu haben.

Apropos Spitzenpersonal, wie muss sich die Attitüde der Banker ändern?

Wir müssen eine dienende Branche sein und können uns nicht bei Renditen, Gehältern oder Wachstumsraten außerhalb der übrigen Wirtschaft definieren. Das haben viele Banker in den letzten Jahren vergessen.

Sie üben Selbstkritik?

Die Sparkassen haben Konsequenzen gezogen. Wir jagen nicht einem absoluten Renditeziel nach, sondern haben festgelegt, was mindestens für ein nachhaltiges Geschäftsmodell nötig ist. Wir haben die Kundenzufriedenheit auf die oberste Steuerungsebene gehoben. Und wir stellen ganz klar die umfassende Beratung in den Mittelpunkt, nicht den reinen Produktverkauf.

Sie wollen sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen?

Kosten und Erträge werden für den Erfolg einer Sparkasse immer eine Rolle spielen, aber wir jagen nicht jedem Viertelprozentpunkt hinterher. Natürlich müssen auch wir Geld verdienen. Das wird auf Dauer nur möglich sein, wenn der Kunde zufrieden ist. Mit unseren 130 000 Berater in den Sparkassen wollen wir den Kunden einen Mehrwert an Beratung und Betreuung spüren lassen.

Der Vertrieb steht im Fokus?

Ja, wir werden in den nächsten fünf Jahren die Zahl der Berater deutlich erhöhen. Möglich wird das, weil in der Technik und der Abwicklung - also im Back Office - Stellen frei werden. Unter dem Strich wird sich das in etwa ausgleichen, wir bleiben bei etwa 250 000 Mitarbeitern in den Sparkassen.

Aber die Sparkassen haben auch Lehman-Zertifikate verkauft, passt das zu diesem Bild?

Von den 430 Sparkassen haben nur ganz wenige Lehman-Zertifikate verkauft. Aber ich gebe zu, es wurden auch Fehler gemacht. Dazu müssen wir stehen. Allerdings sollte man unterscheiden: Wer online als Vieltrader ein solches Zertifikat kauft, weiß was er macht. Wer eine sichere Anlageform suchte, ist sicher nicht richtig beraten worden. Die Herausforderung war, beides sauber zu unterscheiden. Das haben die Sparkassen individuell nachgearbeitet und in klaren Fällen auch Ersatz geleistet und sich bei Kunden entschuldigt. Mir macht aber Sorge, dass es jetzt schon wieder Nachfrage nach exotischen Zertifikaten gibt.

? sie würden also kein Zertifikat mehr kaufen?

Ich habe noch nie eines gekauft.

Die Bundesregierung will die Rechte der Verbraucher stärken, sie glaubt nicht so sehr an die Selbstregulierung der Branche. Können Sie damit leben?

Ich habe Verständnis für den Ansatz, Verbraucher besser zu schützen. Aber es muss auch vernünftig geschehen. Das Rücktrittsrecht eines Kunden innerhalb einer Woche nach Erteilung eines telefonischen Wertpapierauftrags ist beispielsweise völlig realitätsfern. Der Kunde kann jetzt eine Aktie kaufen und wenn sich der Kurs schlecht entwickelt, lässt er die Bank darauf sitzen. Das kann keine Bank akzeptieren. Das Ergebnis könnte sein, dass Telefonberatung nicht mehr angeboten wird und Kunden sich die Papiere dann ohne jegliche Beratung online beschaffen. Ist das wirklich mehr Verbraucherschutz?

Für was plädieren Sie dann?

Wir müssen weg von der Vorstellung, dass mehr Papier und mehr Dokumentation mehr Verbraucherschutz bedeutet. Viel wichtiger ist es doch, einfachere und transparentere Produkte zu haben, die der Kunden wirklich versteht. Und komplexere Produkte müssen so erklärt werden, dass sie verstehbar werden. Das erfordert eher prägnantere Informationen und nicht mehr Bürokratie.

Sie erwarten hier eine Korrektur durch die neue Regierung?

Sie ist notwendig.

Was steht noch auf dem Wunschzettel?

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass dezentrale Kreditinstitute wie die Sparkassen oder auch die Genossenschaftsbanken den Finanzmarkt stabilisieren. Daraus muss man Konsequenzen ziehen und diesen Instituten mehr politische Unterstützung geben. Wir finden deshalb richtig, dass sich die Koalition und die Bundesregierung zum Drei-Säulen-System aus öffentlich-rechtlichen, genossenschaftlichen und privaten Instituten bekennen. Und ebenso richtig ist es, dass die Bundeskanzlerin die Unterscheidung bei den neuen Eigenkapitalforderungen zwischen internationalen Großbanken und Retail-Instituten unterstützt.

Haben Sie keine Angst, dass das in einem Kuhhandel vom Tisch genommen wird?

Nein, so etwas sollte man nicht unterstellen. Die Frage wird aber sein, ob sich die Bundesregierung international durchsetzen wird.

Was würde passieren, wenn es doch anders kommt, und die hybriden Instrumente nicht mehr zum Kernkapital zählen?

Alle deutschen Kreditinstitute wären davon betroffen - die Sparkassen weniger, die Landesbanken mehr. Da spielen stille Einlagen eine große Rolle, Als Faustregel kann man sagen: ein Euro weniger anrechenbares Kernkapital bedeutet mindestens 12,50 Euro weniger Kredit. Wir reden in Deutschland über Kreditvergabespielräume im dreistelligen Milliardenbereich.

Offenbar treibt Sie die Diskussion doch um ?

Ja, natürlich. Das ist eine der wichtigsten Fragestellungen für künftiges Wirtschaftswachstum in unserem Land. Wenn hier im Milliardenbereich Eigenkapital wegdefiniert wird, fehlt es als Grundlage für Kreditausreichungen. Und wo Kredite fehlen, werden Investitionen unmöglich. Der Hintergrund ist doch, dass die USA den Blick auf Eigenkapital von den Börsen verengen. Die meisten Banken in Europa, aber auch viele weltweit haben aber auch anderes Eigenkapital. Deshalb muss der Grundsatz gelten: Wenn Kapital am Verlust teilnimmt, muss es auch anerkannt werden.

Aber die Märkte nehmen Regulierungen vorweg, ist das nicht die eigentliche Gefahr?

Ja, zeitliche Streckungen oder Übergangsfristen bis in das Jahr 2013 oder 2014 nützen nichts. Schon heute würden Ratingagenturen und die Märkte den Abbau von Engagements erzwingen. Mir scheint auch viel wichtiger, dass nicht pauschal vorgegangen wird. Höhere Eigenkapitalanforderungen sind dort berechtigt, wo höhere Risiken liegen. Das ist bei systemrelevanten großen Banken der Fall und bei Engagements in internationale Finanzprodukte. Das Problem ist doch aber nicht der deutsche Mittelstandskredit.

Es gibt auch einen Vorstoß zur Reform der Einlagensicherung, der private Bankenverband BdB bezieht Sie bei der Forderung nach einer Neuausrichtung mit ein.

Wir haben bei den Sparkassen ein Sicherungssystem, das die Kunden vollständig schützt. Wenn es in der Vergangenheit ein Problem gab, dann haben wir es selbst gelöst. Warum sollten wir das ändern? Warum sollten Sparkassen und ihre Kunden für Geschäfte großer Banken haften?

Gilt das auch für den Überlauf aus den Landesbanken und damit für die gesamte S-Finanzgruppe?

Wir sichern bei jeder Sparkasse den Bestand aus eigener Kraft. Zusammen mit den Genossenschaftsbanken werden wir auch gegenüber der EU-Kommission deutlich machen, dass wir dieses erhalten wollen.

Sie werden sich mit Händen und Füßen wehren?

Es gibt keinen Grund, ein System abzuschaffen, das für den Verbraucher den höchstmöglichen Schutz bietet und den Staat nichts kostet.

Beteiligen Sie sich am Notfallfonds für alle Institute, der von Deutsche-Bank-Chef Ackermann ins Spiel gebracht worden ist?

Ich habe auch die Sorge, dass dies auf eine Bestandsgarantie für möglichst große Banken hinausläuft. Ich bin dagegen, dass jetzt große Banken praktisch eine dauerhafte Staatshaftung erhalten. Wenn jetzt gesagt wird, das sei gar nicht zu ändern, der Staat müsse immer haften, sind offensichtlich die Banken zu groß.

In der neuen Regierung sitzt auch die FDP, erwarten Sie hier nicht eine Neuauflage der Privatisierungsdiskussion?

Auch die FDP wird nicht an der Tatsache vorbeikommen, dass die Landesbanken ungeachtet aller Probleme fast 20 Prozent der Unternehmenskredite stemmen. Die privaten Großbanken haben nur weniger als 15 Prozent. Im Interesse der deutschen Unternehmen sollte man deshalb ganz genau überlegen, wie man behutsam den Landesbankensektor umbaut. Und es wäre auch klug, hier mit den Sparkassen Lösungen zu suchen und nicht gegen sie.

Stichwort Landesbanken. Inwieweit sind die Sparkassen denn noch bereit, Kapital für die Sanierung zu geben?

Wir haben eine systemische Bankenkrise. In einer solchen Situation kann es nicht so laufen, dass überall auf der Welt private Banken vom Staat gerettet werden und Landesbanken von den deutschen Sparkassen. Wir sind kräftig, aber nicht so stark wie der Staat.

Das bleibt ein Dauerthema ?

Die Sparkassen wollen Partner der Landesbanken bleiben. Aber sie wollen Landesbanken, die sich stärker auf reales Geschäft konzentrieren.

Aber, sie weichen aus. Ganz konkret: Geben die Sparkassen zum Beispiel bei der WestLB noch Kapital? Oder woher soll das Geld sonst kommen?

Die Sparkassen stehen selbstverständlich zu ihrer Verantwortung als Miteigentümer. Daran braucht uns überhaupt niemand zu erinnern. Die Sparkassen haben etwa bei der WestLB schon massiv Kapital zugeschossen und teilweise keine Ausschüttung erhalten. Die Grenze für Unterstützungsmaßnahmen ist aber immer die Leistungsfähigkeit der Sparkassen gegenüber ihren eigenen Kunden. Schließlich wird zur gleichen Zeit von ihnen erwartet, weiterhin in hohem Maße Kredite zu vergeben, um unsere Wirtschaft aus der Krise zu bringen.

Brüssel hat nicht nur die Landesbanken im Visier, sie prüft auch, ob die Sparkasse Köln-Bonn unerlaubte Beihilfen ihrer Eigentümer bekommen hat. Ist das ein Einfallstor für die Privatisierung?

Nein, das glaube ich nicht. Die Sparkasse zahlt für die Einlagen einen marktgerechten Zinssatz. Die Prüfung müsste deshalb meiner Meinung nach ergeben, dass keine Beihilfe vorliegt und der Wettbewerb nicht beeinträchtigt ist.

Wenn wir an 2010 und die Frage der Demut der Banker denken, muss sich diese Haltung auch in den Gehältern niederschlagen?

Zulagen im Bereich normaler Gehälter sollte es auch künftig geben dürfen, um Leistung anzuregen. Wichtig ist aber immer ein nachvollziehbares und durch individuelle Leistung begründbares Verhältnis zwischen den niedrigsten und höchsten Gehältern eines Unternehmens. Das kann man nicht mit kurzfristiger Perspektive beantworten, sondern muss nachhaltige Erfolge zur Grundlage machen.

Soll der Staat hier eingreifen?

Ich hoffe, dass die Banken das selber regeln können.