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    Dresden-Spirit bringt der TU die Exzellenz

    Die TU Dresden galt schon lange als Favorit für den Titel Elite-Uni. Seit dem ersten knappen Scheitern werkelt die TU an ihren Schwachstellen kann aber auch auf den speziellen Dresden-Spirit setzen.

    Er wollte am Ende nicht der Dumme sein, der sich zu früh gefreut hat. Deshalb ging Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität (TU) Dresden, auf Nummer sicher: Er blieb zurückhaltend, als die ersten Nachrichtenagenturen schon mittags meldeten, dass seine Hochschule die Elitekrone aufgesetzt bekomme.

    Er hielt sich zurück, auch als ihn sein Ministerpräsident wenig später freudig in den Arm nahm. Bis 15.27 Uhr wartete Müller-Steinhagen am Freitag vor einer Woche. Dann traf auf seinem Handy endlich die verspätete, aber offizielle E-Mail der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein. Müller-Steinhagen stieg vor Hunderten Studenten, Dozenten, Pressevertretern im Auditorium der TU auf die Bühne und rief erst einmal nur: "Ja!"

    Dresden hat es geschafft. Als erste und einzige Universität in einem ostdeutschen Flächenland gehört die TU nun zum Kreis der Exzellenzhochschulen. Gefördert wird das Zukunftskonzept mit dem Titel "The Synergetic University", das den Austausch der vielen Wissenschaftler in den Forschungs- und Kulturinstitutionen vorantreiben will. Die Auszeichnung ist ein Jackpot in doppelter Hinsicht: Zum Prestigegewinn kommt, dass nun rund 140 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich fließen.

    Dresden galt dabei schon lange als Favorit. 2006, in der ersten Runde der Exzellenzinitiative, scheiterte die Uni nur knapp. Seitdem werkelte sie an ihren Schwachstellen. Nun der Erfolg, der die Frage aufwirft: Warum gerade hier? Wer dem nachgehen will, muss den Campus in der Südvorstadt durchqueren. Wie an Hochschulen in England oder den USA streift der Besucher durch ein Ensemble von Instituten mit Rasen dazwischen. Irgendwann, immer den Hügel hinauf, thront vor einem das Rektoratsgebäude.

    Auf dem Besprechungstisch von Rektor Hans Müller-Steinhagen steht ein Strauß Blumen. Als Glückwunsch. "Die ganze Stadt freut sich mit uns", erzählt der leicht angegraute 58-Jährige mit jugendlicher Frische. "Das ist der Dresden-Spirit. Der hat den Ausschlag gegeben." Ihn hat Müller-Steinhagen erstmals so richtig im Jahr 2010 erlebt.

    Da wählte man den Maschinenbauingenieur zum Rektor. Er kam vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Uni Stuttgart – und spürte schnell die Hoffnung, Dresden endlich zur Elite zu machen.

    Schnell machte er sich mit einem Team daran, den am Ende erfolgreichen Antrag aufzuschreiben – den Dresden-Spirit in Worte zu fassen. "Wir haben eine außergewöhnlich enge, freundschaftliche und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der Universität und den vielen außeruniversitären Forschungseinrichtungen dieser Stadt in unserem Wissenschaftsverbund Dresden-Concept", fasst Müller-Steinhagen zusammen.

    Zahlreiche Forschungs- und Kulturinstitutionen haben sich an der Elbe etabliert. "1990, mit der Wiedervereinigung, mussten hier alle wissenschaftlichen Institutionen fast wieder neu anfangen", erklärt der Rektor. Überall in der Stadt haben einzelne Personen Neues aufgebaut. Wege kreuzten sich. Vertrauen entstand. "Dieser Pioniergeist, neue Wege zu gehen, der ist noch vorhanden, dazu kommt die gegenseitige Wertschätzung. Das habe ich woanders so noch nicht erlebt."

    Andreas Richter kommt aus Dresden. Seit 1985 ist der 43-Jährige an der TU. Zunächst als Student, mittlerweile als Professor am Institut für Halbleiter- und Mikrosystemtechnik. Sein Büro ist alles andere als ein Elfenbeinturm. Im vierten Stock eines alten DDR-Gebäudes klingeln abwechselnd Telefon und Handy. Mit Doktoranden duzt er sich. Irgendwo auf dem Flur flackert auf einem Bildschirm der Spielplan der Fußball-EM.

    Richter gilt als einer, der einen wichtigen Exzellenzbaustein gesetzt hat. Wenn er davon spricht, wie in Dresden interdisziplinär Ideen entwickelt und vorangetrieben werden, nimmt er zunächst das Wort "fantastisch" in den Mund. Er korrigiert sich jedoch und sagt "crazy – absolut kreativ, mit offenem Ende, bereit für Fehler". Diese kämen allerdings gar nicht so häufig vor. "Wir haben hier die kritische Masse an Ideen und Leuten", findet Richter und reicht etwas über den Tisch: halb so groß wie ein DIN-A4-Blatt, voller feiner Streben.

    Sein Team hat diesen Mikroprozessor entwickelt, der anders als solche in Computern keine elektronischen, sondern chemische Informationen verarbeitet. Auf dem Chip befindet sich somit eine Art Labor. Externe Einrichtungen zur Steuerung sind nicht mehr notwendig.

    Richter stellt sich vor, dass etwa in der medizinischen Diagnostik anhand eines Tropfens Körperflüssigkeit sofort herausgefunden werden kann, wie es um die Gesundheit der jeweiligen Person steht. Für Nichtwissenschaftler klingt das wie Science-Fiction. Für Dresden sieht so Exzellenz aus.

    Oder Jochen Guck. Er machte sich aus England auf den Weg ins Elbtal. Für Dresden ist der eigentlich aus Bayern stammende Biophysiker ein Glücksfall – und Dresden für ihn. "Ich war zuvor in Cambridge. Dort gibt es herausragende Wissenschaftler, aber der intensive Kontakt zwischen ihnen ist lange nicht so selbstverständlich wie in Dresden." Auch fließe in Deutschland mehr Geld in die Spitzenforschung.

    Der wesentliche Unterschied ist aber: "Es muss nicht immer gleich aus jeder Forschung eine Anwendung erwachsen. Das lässt mehr Raum für Kreativität. Es gibt nichts Wichtigeres als Grundlagenforschung."

    Guck ist kein Professor wie die anderen. Er wurde mit der Alexander-von-Humboldt-Professur der Humboldt-Stiftung ausgezeichnet. Fünf Millionen Euro gibt der Staat ihm für fünf Jahre. Das ermöglicht Forschung auf Spitzenniveau, frei, ohne die Last, ständig Drittmittelanträge schreiben zu müssen. Anwenden will Guck seine Forschung aber dennoch. Er will dort Impulse geben, wo sich das Denken vielleicht schon zu sehr verkompliziert hat und das Naheliegende oft nicht mehr gesehen wird.

    So hat er herausgefunden, dass Zellen ein wenig wie ein Chamäleon agieren. Liegen sie auf hartem Untergrund, werden sie selbst hart, ist der Untergrund weich, werden sie weich. Je nachdem verhalten sie sich unterschiedlich. Krebszellen etwa sind immer weich und dadurch höchst beweglich. "Wer Böses im Schilde führt wie Krebszellen, muss schließlich gut vorwärtskommen." Für Therapien ist diese Erkenntnis möglicherweise entscheidend. Anwenden würde Guck Therapien gerne auch an sich selbst.

    Der Zellforscher sitzt seit 22 Jahren im Rollstuhl. Mit 17 hatte er einen Autounfall, er saß auf dem Rücksitz, der Fahrer war eingeschlafen. Wie Zellen dazu bewegt werden können, sich zu regenerieren, auch das erforscht Guck. Seine Arbeit hat ihn dabei realistischer für die Probleme werden lassen, sagt er. "Aber der Grundoptimismus ist geblieben."

    Die scheinbar übermächtige Konkurrenz von internationalen Super-Unis wie Cambridge, Stanford oder der ETH Zürich will die Politik mit der Exzellenzinitiative einholen. 2004 gab der Bund dazu den Startschuss. Die deutschen Hochschulen schrieben erstmals Bewerbungen, um etwas aus dem neuen milliardenschweren Fördertopf zu bekommen.

    Drei Säulen gibt es dabei: Graduiertenschulen, an denen der wissenschaftliche Nachwuchs promoviert. Exzellenzcluster, also fachübergreifende Forschungsverbunde verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Und natürlich die dritte Säule: die Zukunftskonzepte. Die Uni als Ganzes muss überzeugend darlegen, wo sie sich hinentwickeln will.

    Während Dresden in den anderen beiden Förderlinien Erfolg hatte, senkte die Jury in der dritten bisher den Daumen. Ein Nachteil für Osthochschulen war dabei stets, dass ihre Forscher nach 1990 erst langsam in den wichtigen Wissenschaftsorganisationen Fuß fassten. Zudem dauerte es, bis die Leistungen der Hochschulen national und international entsprechend gewürdigt wurden. Doch die Aufholjagd gelang.

    So wurde die TU Dresden auch für Spitzenkräfte aus dem Ausland attraktiv. Dabei traf Danielle Borg zunächst der Kälteschock, als sie im Februar 2008 zu Auswahlgesprächen an die Elbe reiste. Die 27-Jährige kommt aus Brisbane in Australien. Null Grad war für sie damals Polartemperatur. Sie hatte sich beworben, weil ein ihr bekannter Professor das Programm angepriesen hatte.

    Und nach einer Woche voller Interviews, Gesprächen mit Doktoranden und langen Abenden in Kneipen entschied sie sich: "Ich wollte gern hierher." Borg bekam einen der begehrten Plätze – von über 1000 Bewerbern pro Jahr werden nur rund 80 in das Programm aufgenommen. Es ist eine Bestenauslese. Sie arbeitet in der Diabetesforschung und steht nun kurz vor ihrem Ph.D., dem internationalen Doktor.

    Wenn Borg zusammen mit dem Doktoranden Erdinc Sezgin und dem Sprecher der Graduiertenschule, Gerhard Rödel, über das Geheimnis des Dresdner Erfolges nachdenkt, kommen auch sie schnell auf das eine: den problemlosen Austausch zwischen den Forschern der verschiedenen Institute. Die kurzen Wege. Das Miteinander.

    Doch für den 27-jährigen Sezgin gab noch etwas anderes den Ausschlag, als er sich für Dresden entschied. Er war 2009 kurz vor dem Absprung von der Türkei in die USA – dann erlebte er in der Vorstellungswoche das Lebensgefühl der hippen Dresdner Neustadt. Auch das gehört zum Spirit hier. Ebenso wie die Kultur, der Ruf der Stadt, zu der Menschen weltweit irgendein Bild einfällt. Sezgin änderte seine Pläne.

    Heute wohnt er in genau der Straße, die ihn damals so begeisterte. Bald wird er aber nach seiner Dresdner Promotion in die USA gehen. Auch Borg zieht es weg – in ihre Heimat Australien. Rödel sieht die Abgänge gelassen. So sei der Weg in der Forschung. Und: "Unsere Alumni festigen auf lange Sicht unsere Beziehungen in die ganze Welt."

    Rektor Müller-Steinhagen muss nun den Weg weiter nach oben managen. Er und das Team Dresden haben ein ehrgeiziges Ziel. Die TU soll eine der besten 100 Universitäten auf der Welt werden. "Der Anfang ist jetzt gemacht." Es gilt nun, die ganze Hochschule mitzunehmen. Das wird nicht leicht. Zwar fließt in ein paar Bereiche der Forschung nun viel Geld.

    Aber andere und auch die Lehre müssen mit dem auskommen, was da ist. "Wir werden aufgrund der Mittelkürzungen des Landes ein paar Studiengänge nicht weiterführen können", sagt der Rektor. Hinzu kommen manche marode Gebäude. "Wir haben einen Sanierungsbedarf von 500 Millionen Euro", stellt Hans Müller-Steinhagen fest. Die Hälfte hat das Land immerhin in Aussicht gestellt – als Anerkennung für den Exzellenzerfolg.

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