Russlands Gasexporteur Gazprom kann wegen der Kältewälle seine Lieferzusagen für Westeuropa nicht einhalten. Der Gaslieferant begründet die gekürzten Liefermengen mit dem hohen Eigenbedarf. Europas Verbraucher müssen dennoch keinen Engpass fürchten. "Es gibt keinen Notstand in Europa. Verbraucher und Industrie bekommen ihr Gas wie zuvor", versicherte die Sprecherin von EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Deutschland, Italien und Rumänen bekämen momentan zwar geringere Mengen aus Russland - sie könnten am Markt aber problemlos nachkaufen.
Darf Russland die Erdgaslieferungen kürzen?Eigentlich nicht. Der Vertrag sieht eine Mindestmenge vor, die Russland jüngst unterschritten hat. Tagelang hatte Gazprom (MCX: GAZP.ME - Nachrichten) geleugnet, weniger Gas zu liefern. Am Montag erklärte die Konzernleitung, die Lieferungen seien nur zeitweise gedrosselt worden und jetzt wieder auf Vertragsniveau. Die stellvertretenden Gazprom-Chefs Alexander Medwedew und Andrej Kruglow sagten, dass der Westen deutlich mehr Gas von Russland anfordere als das Unternehmen derzeit liefern könne. Betroffen ist auch Deutschland als größter Gas-Abnehmer in der EU. Kruglow räumte dabei nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax ein, dass der Konzern in den vergangenen Tagen etwa zehn Prozent weniger Gas in den Export gepumpt habe als vertraglich mit den Kunden vereinbart. Die Energiegroßmacht müsse in der Extremkälte zuerst an den gestiegenen Eigenbedarf denken und erst dann an die Kunden im Westen, sagte Regierungschef Wladimir Putin bei einem Treffen mit der Spitze des Staatskonzerns Gazprom. Dass Versorger in der EU Lieferkürzungen bis zu 30 Prozent bei russischem Gas beklagen, zeige nur, wie nötig neue Gasleitungen von Russland gen Westen seien, so Putin. Zugleich müsse Gazprom maximale Anstrengungen unternehmen, den Bedarf der europäischen Partner sicherzustellen, so Putin.
Wer (SNP: ^WERY - Nachrichten) hat Schuld an dem Gas-Engpass?Der stellvertretende Vorstandschef von Gazprom, Alexander Medwedew, hatte zuletzt indirekt der Ukraine, dem wichtigsten Transitland für russische Gaslieferungen in die EU, die Schuld an dem Engpass gegeben. Die verarmte Ex-Sowjetrepublik wird von Russland immer wieder verdächtigt, illegal Gas für den Eigenbedarf abzuzapfen. Beide Länder streiten über Preise und Verträge für Gaslieferungen. In der Vergangenheit hatte der Streit wiederholt dazu geführt, dass die Russen ihre Lieferungen in die Ukraine stoppten. Regierungschef Putin nahm die Situation zum Anlass, um diejenigen zu kritisieren, die sich lange gegen die Ostseepipeline Nord Stream gewehrt hatten. Im vergangen November (Stuttgart: A0Z24E - Nachrichten) hatten Deutsche und Russen die Inbetriebnahme des ersten Strangs in Lubmin als Beitrag zur Energiesicherheit in Europa gefeiert. Hätte es keine Verzögerungen gegeben, so Putin, wäre längst schon der zweite Strang der 1224 Kilometer langen Pipeline zwischen Russland und Deutschland am Netz. Ab Herbst dieses Jahres sollen insgesamt 55 Milliarden Kubikmeter Öl zusätzlich direkt von Russland nach Deutschland strömen. Damit können rund 26 Millionen Haushalte versorgt werden. Vor kurzem hatte Putin vorgeschlagen, entlang der Nord-Stream-Leitung weitere Stränge verlegen zu lassen. Im Dezember ist drei Monate früher als geplant die South-Stream-Leitung in den Bau gegangen. Ein anderer Grund ist der seit Tagen herrschende Extremfrost mit zeitweise um die minus 50 Grad in Sibirien und im äußersten Osten. Deshalb ist der Gasverbrauch im größten Land der Erde erstmals überhaupt auf mehr als zwei Milliarden Kubikmeter am Tag gestiegen - 300 bis 400 Millionen Kubikmeter mehr als normal.
Wie lange halten unsere Erdgasspeicher an?Die großen Netzbetreiber haben darauf hingewiesen, dass kein Anlass zur Sorge bestehe. In den vergangenen Tagen sei sogar Strom exportiert worden. Auch beim Gas gebe es trotz der etwas geringerer Lieferungen keine Engpässe. Die Gasspeicher in Westeuropa sind nach dem zunächst milden Winter (Stuttgart: A0XFUK - Nachrichten) noch gut gefüllt. Eon (Taiwan OTC: 3411.TWO - Nachrichten) nannte eine Speichermenge von 74 Prozent für die eigenen Kavernen - das sei "für diese Jahreszeit hoch". Im Schnitt sind die deutschen Speicher nach Angaben von Gas Storage Europa (GSE), einem brancheninternen Datensammler der Speicherbetreiber, zu zwei Dritteln voll. Allerdings sinkt der Füllgrad derzeit täglich um rund ein Prozent - von Donnerstag auf Freitag beispielsweise von 68,6 Prozent auf 67,5 Prozent.
Wer beliefert uns noch mit Erdgas?
Laut Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle waren die vier wichtigsten Lieferländer für Erdgas in Deutschland in diesem Jahr die Russische Föderation, Norwegen, die Niederlande und Großbritannien. Der Wert der Erdgaszugänge aus diesen Fördergebieten betrug im Berichtszeitraum Januar bis September 2011 zusammengenommen 18,6 Mrd. Euro im Vergleich zu 14,9 Mrd. Euro im Vorjahreszeitraum. Russland ist die wichtigste Lieferquelle mit einem Marktanteil von rund einem Drittel in Deutschland. Der Staat lieferte im vergangenen Jahr 150 Mrd. Kubikmeter Gas nach Westeuropa. Mit der Nord-Stream-Pipeline gibt es eine direkte Verbindung für russische Gaslieferungen an das europäische Energienetz. Dies ist mit den Partnern Eon und Wintershall aus Deutschland, Gasunie aus den Niederlanden sowie GDF Suez (Euronext: GSZ.NX - Nachrichten) aus Frankreich ein europäisches Projekt. Russland will bei Bedarf seinen Gasexport in die EU von derzeit etwa 125 Milliarden Kubikmeter bis 2020 auf 200 Milliarden Kubikmeter erhöhen können. Doch vorerst muss der größte Gasförderer und -exporteur der Welt passen. Es gebe technische Grenzen, teilt die Gazprom -Spitze mit. Allein die Gasförderung von Gazprom sei auf ein Maximum von 1,6 Milliarden Kubikmeter am Tag gestiegen. Zudem würden die Speicher angezapft. Trotzdem sollen zusätzliche Quellen erschlossen werden. Im November 2011 reiste Bundesaußenminister Guido Westerwelle nach Aschchabad. Europa braucht das turkmenische Gas, wenn es unabhängiger von russischen Lieferungen werden will. Nach Vorstellungen der EU soll die geplante Pipeline Nabucco in Zukunft den wertvollen Rohstoff vom Kaspischen Meer nach Westen pumpen. Längst haben auch deutsche Energieriesen wie RWE (Other OTC: RWNFF.PK - Nachrichten) oder Wintershall Vertretungen in Turkmenistan.
Wie sieht das in anderen Ländern aus?Von den russischen Liefereinschränkungen waren neben Deutschland auch Österreich, die Slowakei, Polen und Bulgarien betroffen. Allerdings teilten die Energieunternehmen in den Ländern mit, dass die Speicher gefüllt seien und keine Notlage bestehe. Nur in Italien scheint die Situation schon brenzliger zu sein. Zehntausende Menschen waren in Mittelitalien ohne Strom. Nach einem Rekordverbrauch von 440 Millionen Kubikmeter Gas an einem Tag befürchtet der Energieriese Eni bei anhaltender sibirischer Kälte Engpässe vom Donnerstag an. "Von Russland und der Ukraine erhalten wir 25 bis 30 Prozent weniger Gas, und das gerade jetzt", sagte Eni (EUREX: E1NT.EX - Nachrichten) -Chef Paolo Scaroni der Turiner Zeitung "La Stampa". Bis Mittwoch werde es keine Versorgungsprobleme geben, weil die Importe aus Algerien und Nordeuropa erhöht worden seien. Für die Haushalte werde es in der zweiten Wochenhälfte auch in einem Ernstfall keine Probleme geben, man arbeite an einem Notstandsplan. Im österreichischen Salzburg blieben bei Außentemperaturen von minus 14 Grad am Samstag in rund 10.000 Salzburger Haushalten die Heizungen kalt. Grund war der Totalausfall eines Kraftwerks, in dem in der Nacht ein Heizkessel defekt wurde, teilten die städtischen Versorgungsbetriebe mit. An der Reparatur wurde mit Hochdruck gearbeitet, doch die Arbeiten könnten bis Sonntag dauern, berichtete der Sender ORF.





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