Das erste Halbjahr 2012 stand stark im Zeichen der Eurokrise. Im März wurde mit Unterstützung von Anlegern die komplexe Restrukturierung der griechischen Staatsverschuldung abgeschlossen, wodurch die europäischen Regierungschefs das zweite Rettungspaket für die Hellenen verabschieden konnten. Das Risiko einer Systemkrise im Euroraum sei dadurch erheblich verringert worden, geht aus dem Halbjahresbericht 2012 von ING Investment Management hervor. Dies verhinderte jedoch nicht, dass sich die Eurokrise zunehmend auf die Wirtschaft auswirkte: „Die Kreditvergabe der Banken blieb niedrig, und das Geschäfts- und Verbrauchervertrauen wurden durch die anhaltende Unsicherheit und die Aussicht auf strikte Sparmaßnahmen im gesamten Euroraum gedämpft“, so der Bericht. Die Turbulenzen seien durch zunehmenden Populismus in Süd- und Nordeuropa angeheizt worden. Die Parlamentswahlen in Griechenland drohten zu einem Referendum über den Verbleib des Landes in der Eurozone zu werden – über einen Austritt wurde offen diskutiert. Nach dem Wahlsieg der proeuropäischen Parteien stehe das Thema derzeit aber nicht mehr auf der Agenda. Stattdessen geriet im zweiten Quartal des Jahres Spanien unter Druck: „Es kamen Zweifel daran auf, ob das Land seine Haushaltsziele erreichen kann“, schreiben die ING-Experten. Zudem habe die Besorgnis um den Bankensektor zugenommen, der durch die Immobilienkrise des Landes ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen worden sei. Der Druck auf Spanien konnte beim EU-Gipfel im Juni durch die Vereinbarung gemildert werden, dass die Banken des Landes direkt Kapital vom europäischen Rettungsfonds ESM erhalten dürfen.Erstes und zweites Quartal gleichen sich ausDie Finanzmärkte zeigten sich in den vergangen sechs Monaten von zwei Seiten. Die Ende 2011 bei nahezu allen Assetklassen verzeichnete Rallye habe sich über weite Strecken des ersten Quartals 2012 fortsetzen können. „Die Rallye im ersten Quartal wurde vor allem dadurch ausgelöst, dass mehrere Zentralbanken reichlich Liquidität ins Finanzsystem pumpten“, analysieren die Autoren des Berichts. So habe die EZB den europäischen Banken in zwei Refinanzierungsgeschäften über 1.000 Milliarden Euro geliehen. Dadurch sei eine Liquiditätskrise verhindert worden und die Rentenmärkte beruhigten sich, da die Banken das Kapital zum Teil für den Kauf von Staatsanleihen ihrer jeweiligen Heimatländer verwendeten.An den Aktienmärkten verliefe die Entwicklung ab April insgesamt genau umgekehrt wie in den ersten drei Monaten: „Im zweiten Quartal ging die Risikobereitschaft der Anleger deutlich zurück, und es kam zu einer Korrektur“, so die Volkswirte. Schnitten im ersten Quartal vor allem zyklische Werte und der Finanzsektor sowie die Schwellenländer gut ab, hätten anschließend defensive Sektoren von der zunehmenden Risikoaversion profitieren können. Für Rohstoffe sei es weniger gut gelaufen. Dies führen die ING-Experten vor allem an der Konjunkturverlangsamung in China – als weltweit größter Käufer von Rohstoffen – zurück. Auf dem Rentenmarkt zeigte sich vor allem bei Anleiherenditen der EU-Peripheriestaaten eine hohe Volatilität. Das habe zu einer großen Beliebtheit von sicheren und liquiden zehnjährigen Staatsanleihen aus Deutschland und den USA geführt. „Anfang Juni gingen die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen sogar auf unter 1,2 Prozent zurück; die Renditen für US-Anleihen fielen auf unter 1,5 Prozent“, so der Bericht.Deutsche Anleihen: 2012 bei Institutionellen extrem beliebt Finanzmärkte benötigen Impulse Für Europa erwarten die Autoren des Halbjahresberichts eine Kontraktion um 0,5 Prozent im laufenden Jahr: „Deutschland bleibt die Wachstumslokomotive der Region, wenngleich die jüngsten Daten darauf hindeuten, dass selbst die deutsche Wirtschaft nicht immun gegen die Eurokrise und die Konjunkturverlangsamung in China ist.“ Im Vergleich zur Lage vor ein paar Monaten sei das Risiko gesunken, dass das Wachstum im Euroraum durch strikte Sparmaßnahmen deutlich gedämpft wird. Zudem rechnen die Experten mit einer Senkung des Leitzinses durch die EZB auf 0,75 Prozent.Damit die Finanzmärkte in Zukunft die Nervosität abschütteln und wieder optimistischer werden können, benötigten sie Impulse, die vor allem aus der Politik kommen müssten. „In Europa müssen die Politiker das Vertrauen der Finanzmärkte zurückgewinnen, indem sie einen klaren und glaubwürdigen Fahrplan für eine größere Integration des Euroraums vorlegen“, fordern die ING-Volkswirte. Die EZB dürfte durch Zinssenkungen und möglicherweise ein drittes Refinanzierungsgeschäft dazu beitragen. Staatsanleihen – vor allem deutsche – erschienen zwar aufgrund des deutlichen Renditerückgangs überwertet, dies müsse jedoch nicht unbedingt bedeuten, dass die Renditen für zehnjährige Papiere in nächster Zeit merklich ansteigen. „Neben dem hohen Interesse der Anleger an Sicherheit und Kapitalschutz sprechen auch der geldpolitische Kurs, der sinkende Inflationsdruck und die robusten Kapitalflüsse dafür, dass die zehnjährigen Anleiherenditen niedrig bleiben“, erwarten die Autoren.(PD)
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