Auf Irrfahrt mit der Deutschen Bank

ftd
, Freitag, 20. November 2009, um 11:18 CET

Günther P. (Name geändert), seit 15 Jahren Rechtsanwalt und inzwischen Partner einer internationalen Kanzlei, kündigt mit dem Betreff "Meeting in London" seinen Besuch für den 17. September 2006 an. Peter O. (Name geändert), Investmentbanker bei der Deutschen Bank , hat vorab eine Frage an den Juristen. Sie betrifft die beiden Kompass-Life-Fonds, mit denen deutsche Anleger am Markt für US-Lebensversicherungen teilhaben sollen: "Dürfen wir synthetische Policen verwenden?" Als Beispiel nennt er eine Lebensversicherung, die bislang nur im Kompass-1-Fonds liegt. Er würde die Police gern auch ins Portfolio des Kompass-2-Fonds buchen - also gleich zweimal verwenden.

P. lässt sich einen Tag Zeit mit seiner Antwort: Die Fondskonzeption würde der Deutschen Bank zwar eine hohe Flexibilität einräumen. "Aber die Prospekte erwähnen nicht explizit die Möglichkeit, eine Position zu hebeln. (...) Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass ein deutsches Gericht zu dem Schluss kommt, nur Positionen seien erlaubt, die sich auf tatsächlich existierende Policen beziehen." Schließlich schlägt P. eine, wie er es nennt, "praktische Lösung" vor: "Solange die Anleger (...) keine zusätzlichen Risiken und Kosten tragen müssen, haben wir gute Argumente, unsere Auslegung des Prospekts zu verteidigen." O. tippt in seinen Blackberry: "Keine zusätzlichen Kosten oder Risiken wegen des Hebels." Jetzt kann er seinen Plan umsetzen: Sein Team beginnt, Policen mit dem Mehrfachen ihrer Ablaufleistung in beiden Kompass-Fonds zu berücksichtigen. So steht die Versicherung BU1078301, die nur 250.000 $ Ablaufleistung vorsieht, plötzlich mit einer Versicherungssumme von fast 12,4 Mio. $ in den Büchern. Vorfälle wie dieser bringen Cornelia Beyer in Rage. Sie wirft der Deutschen Bank eine systematische Täuschung der Anleger vor. Ihr Anwalt feilt noch an der Strafanzeige, die sie in den nächsten Tagen stellen wird. "Die Deutsche Bank hat ohne jede Legitimation einfach Fondspolicen mit dem Mehrfachen ihrer Versicherungssumme angesetzt und die Anleger damit Risiken ausgesetzt, ohne sie darüber zu informieren", sagt sie.

Die Bank weist den Vorwurf der Täuschung zurück. Sie räumt Fehler ein, will das Kapitel aber schnell abschließen und bietet den Investoren an, ihre Anteile zu immerhin 80 Prozent des ursprünglichen Wertes abzukaufen. Dafür hat sie 200 Mio. Euro zurückgestellt. Beyer aber will Schadensersatz fordern - und nicht nur Teile ihrer Anlage zurück.

Cornelia Beyer ist eine von etwa 25.000 Anlegern, die 2005 insgesamt 535 Mio. Euro in die beiden Deutsche-Bank-Fonds gesteckt haben. Auf dem Verkaufsprospekt prangt das Foto eines Windjammers, der sich unter vollen Segeln durch den Ozean schiebt. "Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken" - mit diesem Zitat des portugiesischen Seefahrers Magellan wirbt die Bank für ihr Beteiligungsmodell. Viele Berater preisen das Produkt Anlegern zufolge als krisensicheres Investment an, was die Deutsche Bank freilich bestreitet. 6,9 Prozent pro Jahr bis 2015 - das klingt nicht nach Abenteuer. Doch die Entdeckungsreise auf neuen Ozeanen entpuppt sich als Irrfahrt, zumindest für die Anleger. Die Deutsche Bank kassiert fast 48 Mio. Euro Provisionen, dazu kommen 18,7 Mio. Euro für die Konzeption. Teil 2: Wetten auf den frühen Tod Die beiden Kompass-Fonds liegen im Trend. In den Jahren 2003 bis 2005 sammeln Initiatoren in Deutschland mehr als 3 Mrd. Euro ein, um sie am Zweitmarkt für Lebensversicherungen zu investieren. Die Idee klingt so einfach wie genial: Versicherte, die ihre Prämien nicht weiter zahlen können oder wollen, verkaufen ihre Police an Investoren. Damit erlösen sie deutlich mehr, als sie bei einer Kündigung erhalten würden. Der Käufer bedient den Vertrag weiter und kassiert am Ende die üppige Ablaufleistung.

Den ersten US-Policenfonds bringt 2002 BVT auf den Markt. Anders als bei britischen und deutschen Verträgen geht es am US-Markt nicht um Kapital-, sondern um Risikolebensversicherungen: Die Assekuranz zahlt, wenn der Versicherte stirbt, nicht bei einem bestimmten Lebensalter. Das gibt den US-Fonds einen makabren Beigeschmack - sie sind Wetten auf den frühen Tod.

Anders als bei der Konkurrenz fließt das Geld der Kompass-Fonds nicht direkt in Lebenspolicen, sondern in Yen-Anleihen. Deren Erträge werden über einen sogenannten Total Return Swap gegen die Performance eines Versicherungsportfolios getauscht, das die Deutsche Bank in London nach zuvor definierten Kriterien zusammenstellt. Angenehmer Nebeneffekt: Versteuert werden, wenn überhaupt, nur die Minizinsen aus den Yen-Anleihen - nach Steuern steht die gleiche Rendite wie vor Steuern.

Der Nachteil wird jetzt offenbar: Anleger und Fondsgeschäftsführung haben keinerlei Einfluss darauf, welche Policen im Portfolio landen. Die Banker in der Londoner City müssen sich nur an die Ankaufkriterien halten, die ihnen zum Beispiel vorschreiben, dass die prognostizierte Erwerbsrendite 7,2 Prozent überschreitet und die Lebenserwartung der Versicherten zwischen zwei und zwölf Jahre beträgt. Der Prospekt verliert kein Wort darüber, dass das Portfolio zu den prognostizierten Erträgen des Fonds passen muss. Theoretisch hätten die Banker alle Policen von Versicherten erwerben können, deren Lebenserwartung zwölf Jahre beträgt - die also wahrscheinlich erst sterben, wenn die Fondsgesellschaft längst aufgelöst ist. Dann, im November 2015, kauft die Deutsche Bank dem Fonds den Restbestand an Policen ab - für 80 Prozent des Ankaufswerts.

Risikoüberraschung für die Anleger Kein schlechtes Geschäft, schließlich rückt das Lebensende der Versicherten von Tag zu Tag näher. Der Prospekt verschweigt das nicht: "Durch die Auszahlung dieses Betrages, der erheblich geringer ist als die Ablaufleistungen dieser Policen, würden den Anlegern finanzielle Nachteile entstehen." Sätze wie diese hätten Investoren stutzig machen können, genau wie die Passage, die ein paar Seiten später folgt: "Die von DB London (...) abgeschlossenen Vereinbarungen verlangen von ihr nicht, die Interessen der Fondsgesellschaft oder ihrer Anleger wahrzunehmen oder zu fördern." Alle Anleger haben unterschrieben, dass sie genügend Gelegenheit hatten, den fingerdicken Prospekt zu lesen. Getan haben das die wenigsten.

Die Ausschüttungen lassen auf sich warten. Während die Bank nämlich nach geeigneten Policen suchte, änderten medizinische Gutachter ihre Methode - und bescheinigten den meisten Versicherten fortan ein längeres Leben. Die Banker hatten weit weniger Policen zur Auswahl als gedacht und griffen zu Versicherungen mit längerer prognostizierter Laufzeit. "Die geschätzten Lebenserwartungen für die Fondspolicen waren länger als ursprünglich vorgesehen", lesen die Anleger. "Da bisher nur eine Police (...) fällig wurde, sind aufgelaufene Prämien zuzüglich Zinsen höher als der Betrag der bisher ausgezahlten Ablaufleistung." Teil 3: Die Bank verteidigt sich Rechtsanwalt Gerhard Strate ist schon einen Schritt weiter als Cornelia Beyer - am Donnerstag hat er bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen die Deutsche Bank gestellt. Er wirft dem Institut vor, das Policenportfolio sei von vornherein völlig ungeeignet für die versprochenen Ausschüttungen gewesen. "Bei 39 Prozent aller Fondspolicen übertrifft die Lebenserwartung zehn Jahre", sagt er. "Wenn der Versicherte nicht früher stirbt, geht die Ablaufleistung am Fonds vorbei und kommt später der Deutschen Bank zugute." Nicht nur in den ersten Jahren, sondern auch in späteren Berichten habe die Bank Prognoserechnungen präsentiert, "die mit dem tatsächlich vorhandenen Versicherungsportfolio nicht ansatzweise in Einklang zu bringen sind".

Die Deutsche Bank verteidigt die Prognoserechnung: "Bei einer Lebenserwartung von zehn Jahren tritt der Versicherungsfall nicht nach exakt zehn Jahren ein, sondern mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit früher oder später", sagt ein Sprecher. "Es kann passieren, dass die Police schon im ersten Monat fällig wird - oder erst wesentlich später als erwartet." Zudem habe das Beratungsunternehmen Watson Wyatt das Berechnungssystem überprüft.

Mag sein, dass Policen, die wahrscheinlich erst in zwölf Jahren fällig werden, schlecht in einen Fonds mit zehn Jahren Laufzeit passen. Gedeckt durch die Verträge ist dieses Vorgehen allerdings. Bei Peter O.s Idee, eine Police mit einem Vielfachen ihres Wertes und gleichzeitig in beiden Fonds zu berücksichtigen, ist das etwas anderes.

Die Deutsche Bank beharrt darauf, dass der Verkaufsprospekt dieses Verfahren, das sie "Multiplikation" nennt, legitimiert. "DB London bestimmt nach ihrem eigenen Ermessen, ob und wie sie ihre Verbindlichkeiten aus dem Total Return Swap (...) absichert", heißt es dort. "Sie kann die betreffenden Policen beispielsweise direkt oder indirekt selbst halten oder über Derivate eine indirekte Position in den Policen einnehmen." Das gut gehütete Geheimnis der Verträge Das Problem liegt woanders: Im Swap ist keine Rede von einer Multiplikation. Herausgefunden hat das kein gewiefter Anlegeranwalt - der Vertrag ist ein gut gehütetes Geheimnis -, sondern die Bank selbst. Wegen der Finanzkrise nahm sich die Revision alle Verträge noch einmal zur Brust, auch die mit den Kompass-Fonds. Früher schien den smarten Cityboys alles erlaubt, was nicht verboten war. Inzwischen gilt das Gegenteil: Erlaubt ist nur, was explizit geregelt ist.

Jahrelang glaubten Anleger, ihre Fonds seien vollständig mit Policen hinterlegt. Jetzt erfahren sie, dass einzelne Versicherungen mit mehr als dem 40-Fachen ihrer Ablaufleistung verbucht wurden. Dass die Risiken daher schlechter gestreut sind als gedacht. Und dass Anleger, die sich bewusst für Investments in den ersten und den zweiten Kompass-Fonds entschieden haben, zwei fast identische Produkte erworben haben.

Teil 4: Das Angebot der Deutschen Bank Ende Oktober legt die Deutsche Bank ein Restrukturierungsangebot vor: Sie stellt die Anleger so, als hätte die Multiplikation nie stattgefunden, und verzinst das frei gewordene Geld mit der einst prognostizierten Rendite von fast sieben Prozent im Jahr - ein Traumergebnis gemessen daran, was in den vergangenen vier Jahren an den Aktienmärkten passiert ist. Doch der Restrukturierung müssen 75 Prozent der Anleger zustimmen, sonst bleibt alles beim Alten. Weil niemand weiß, wie die anderen Investoren reagieren, ist das ein großes Risiko. Verlockender dürfte vielen daher das Rückkaufangebot der Deutschen Bank erscheinen, das bis zum 27. November läuft: Wer es annimmt, erhält 80 Prozent des ursprünglichen Anteilswerts, verabschiedet sich also mit 20 Prozent Verlust von dem Abenteuer US-Lebensversicherung.

So billig will Cornelia Beyer die Deutsche Bank nicht davonkommen lassen. "Die Deutsche Bank hat jahrelang Dinge getan, die sie nicht tun durfte, und jetzt will sie uns mit 80 Prozent abspeisen", sagt sie.

Die Berater in den Filialen der Deutschen Bank erläutern ihren Kunden das Kaufangebot mit einer 15-seitigen Präsentation. Legen sie das Geld festverzinslich in Anleihen mit 3,5 Prozent Kupon an, wachsen ihre 80 Prozent bis 2015 wieder auf 100 Prozent. Die zehnjährige Fondslaufzeit wäre dann ohne Verlust überstanden. Bei den Anleihen handelt es sich um ein "Spezialangebot" ohne Kosten.

Auf Depotgebühren würde die Deutsche Bank in diesem Fall verzichten.